Liebe Emmausgemeinde,

auch an diesem Sonntag läutet um 10.00 Uhr die Glocke unserer Emmauskirche, so wie auch viele andere Glocken in Nürnberg. Sie lädt Sie ein zum Gottesdienst zu Hause. Wir feiern heute den Sonntag Judika. „Gott, schaffe mir Recht … und errette mich“ diese Worte aus dem 43. Psalm geben diesem Sonntag den Namen. Die Passionszeit geht ihrem Höhepunkt entgegen. In den Worten des Predigttextes blicken wir schon auf das Leiden am Karfreitag. So heißt es im Hebräerbrief im 13. Kapitel: 12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Drinnen und draußen „Du bist raus!“ diese Worte hört niemand gerne. Weder die Teilnehmer bei diversen Castingshows, noch die Sportler bei einem Wettkampf oder vor einem Spiel. Wenn die Firma pleite macht, sind plötzlich auch langjährige Mitarbeiter „draußen“ und müssen sich eine neue Arbeitsstätte suchen. Wenn Kinder und Jugendliche finanziell nicht mithalten oder aus anderen Gründen gemobbt werden, finden sie sich „draußen“ wieder. „Draußen-sein“ bedeutet, nicht mehr dazu zugehören. Wir sind nicht mehr Teil der (Erfolgs-)Gemeinschaft. Draußen sind wir alleine. Draußen weht ein rauer Wind der Kritik und der Selbstzweifel. Drinnen fühlen wir uns stark. Da können wir uns in der Menge der Leute verstecken. Gemeinsam sind wir stark. Die Erfahrung des „Draußen“ nimmt der Schreiber des Hebräerbriefes auf. Bezüglich des Leidens und Sterbens Jesu heißt es, „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor (V12).“ Jesus kam als Gottes Sohn mit einer wichtigen Botschaft in diese Welt: Gott liebt diese Welt. Gott liebt die Menschen. Der Mensch Jesus lebt nicht als König oder Herrscher auf dieser Welt, sondern als ganz normaler Mensch. Er lebte mit ihnen und predigte, dass das Reich Gottes und seine Liebe nahe sind.

Sein Handeln und Reden hat die Menschen verstört. Mit seinen Meinungen und Ansichten hat er gestört. Denn für Jesus gibt es diese Unterscheidung zwischen drinnen und draußen nicht. Für ihn galt es, hinausgehen aus dem Lager, Grenzen überschreiten, Sicherheiten aufgeben. Jesus kennt keine Grenzen, kein „bis hierher und nicht weiter“. Es gibt kein „drinnen und draußen“ mehr, wenn es um Menschen geht. Er verlässt das Lager der Frommen. Jesus isst mit Sündern. Er ekelt sich nicht vor Aussätzigen. Er sieht sie an, er berührt und heilt sie. Er schenkt Fremden Aufmerksamkeit.

Mit seiner Haltung ist er eigentlich immer „außen vor“. Er verzichtet auf Wohlstand. Er stößt seiner Familie vor den Kopf. Er wusste um die Gefahr, in die er sich mit seinem Handeln gebracht hat. Aber er hielt fest an seiner Überzeugung: Gott liebt diese Welt, in all ihrer Unvollkommenheit und Gott liebt diese Menschen, mit all ihren Unvollkommenheiten. Diese Überzeugung lässt ihn letztendlich, die Unterscheidung zwischen drinnen und draußen aufgeben. Jesus hat die Kraft und das Vertrauen ohne die Sicherheit des Lagers zu leben, weil er sich von einer inneren Gewissheit getragen weiß, die größer ist als alle äußerlichen Sicherheiten. Er verlässt sich voll und ganz auf Gott, im Leben und im Sterben. Und so stirbt der, der vollkommen auf Gott gesetzt hat, draußen vor dem Tor, auf Golgatha. Und er stirbt für uns: „Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.“

Die Ereignisse draußen vor dem Tor, auf Golgatha, verändern die Welt. Denn am dritten Tag nach dem Tod Jesu zeigt sich, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod. Wir blicken auf die Ereignisse auf Golgatha immer mit der Brille von Ostern. Dort wird Gottes Liebe deutlich.

Aber wo ist Gott heute? Wo ist seine Liebe in Zeiten der Coronakrise? Ist er überhaupt da? Warum lässt er das zu? Diese Fragen stellt sich so mancher in diesen Tagen.

Dabei ahnen wir die Antwort: Gott ist da! Teilt den Schmerz, weint mit den Opfern. Es gibt keinen Ort auf dieser Erde, an dem Gott nicht ist. Er hat das „drinnen und draußen“ überwunden. Gott ist da, mitten im Leid, er lässt niemanden allein. Und wo mich die Sorgen und Ängste bedrücken, kann ich die Hände falten und sie zu Gott bringen. Jesus hat es in seiner größten Not auch getan. Er betete und sprach: „Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“ Mt 26,39.

In der Not für einander dazu sein, hat uns Jesus mit seinem Leben gezeigt. Daher fordert der Hebräerbrief seine Leserinnen und Leser auf: „So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen (V.13).“ Hier geht es um die Nachfolge Jesu Christi. Allerdings klingt diese Aufforderung des Hinausgehens etwas komisch in Zeiten der Ausgangsbeschränkung. Eigentlich sind wir als Christinnen und Christen gewohnt, hinauszugehen zu den Mitmenschen. Die Gemeinschaft mit anderen Menschen ist für uns Christinnen und Christen unverzichtbar:

Wir feiern Abendmahl mit ganz vielen verschiedenen Menschen. Wir gehen zu den kranken, einsamen und trauernden Menschen. Wir treffen uns in Gruppen und Kreisen. Wir beten gemeinsam, lesen gemeinsam in der Bibel. Wir feiern Gottesdienste. Alles verboten in diesen Zeiten. Und das ist gut so. Denn nur so können wir einander helfen, wenn wir Abstand halten. Daher ist das aktuelle Motto der Kirchengemeinden „Wir sind für sie da - nur anders“. Gottesdienste werden übers Internet oder das Fernsehen gefeiert, Einkaufshilfen werden angeboten, ein Seelsorgetelefon (0911 2141414) wurde eingerichtet. Und vieles mehr.

„Wir bleiben zu Hause“ ist das Gebot der Stunde. Dennoch können wir zu anderen „hingehen“. Körperliche Kontaktvermeidung ja, aber keine soziale Kontaktvermeidung. Wir brauchen gerade jetzt unsere sozialen Kontakte. Wir müssen uns daher neue Wege überlegen, wie wir in Kontakt bleiben. Gespräche von Balkon zu Balkon, Telefonate führen, Videokonferenzen oder der gute alte Brief. Ein gemaltes Bild der Kinder an die Großeltern schicken. Lassen Sie uns kreativ sein. Ich wünsche mir, dass auch wir dieses Gefühl des „drinnen und draußen“ überwinden. Ich wünsche mir einen starken Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, indem wir unsere persönlichen Interessen hinter das Gemeinwohl stellen. Ich wünsche mir ein Gemeinschaftsgefühl, dass auch nach der Coronakrise weitergeht und dass es auch dann nicht „out“ ist, anderen zu helfen und für andere dazu sein. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin die Not des anderen wahrnehmen und die Einsamen und Schwachen nicht vergessen. Ich wünsche mir, dass wir uns weiterhin die tolle Leistung der vielen Menschen in systemrelevanten Berufen würdigen, die uns in der Krise unterstützt und mit ihrem Arbeitseinsatz geholfen haben. Ich wünsche mir, dass es „in“ ist, Jesus nachzufolgen. Gemeinsam mit ihm das Leben zu meisten und ihn als treuen Begleiter in Höhen und Tiefen zu spüren.

Bleiben Sie behütet!
Ihr Pfarrer Michael Boronowsky

 

Die Andacht als PDF-Datei