
von Pfr. i. R. G. Köhnlein
„Ihr Herrn und Frau'n, die Ihr einst Kinder wart, seid es heut' wieder, freut Euch in ihrer Art.“
So, liebe Gemeinde, hat das Nürnberger Christkind am Freitag vor dem ersten Advent den Christkindlesmarkt auf dem Hauptmarkt eröffnet. Tausende haben das dort miterlebt, und unzählige andere konnten es an den Bildschirmen mit verfolgen. Eine große Faszination geht von diesem Ritual aus. Es ist wohl die Sehnsucht, die tief in vielen von uns schlummert, und die hier geweckt wird: Wieder Kind sein zu dürfen und voller Erwartung und Spannung, voller Ungeduld und Hoffnung diese Wochen vor Weihnachten zu erleben. Die Lichter und Kerzen, die Gerüche und die vertrauten Lieder – spiegelt sich in ihnen nicht etwas von der Sehnsucht nach einer heilen, strahlenden Welt wieder, nach Frieden und Harmonie, nach Erfüllung und Glück? Ja, und dürfen wir davon nicht wenigstens ein paar Augenblicke lang träumen? Denn wir wissen es alle: Nur allzu schnell werden wir aus unseren Träumen gerissen und von der Wirklichkeit eingeholt, die uns umgibt. Da sind nicht nur die Hektik und Betriebsamkeit, die aus der ursprünglich stillen Zeit der Besinnung des Advents längst die lauteste Zeit des Jahres gemacht haben. Die Vermarktung von Weihnachten droht den eigentlichen Inhalt des Festes zuzudecken. In der Tat hängt die Jahresbilanz vieler Geschäfte oft von den Umsätzen aus den Wochen vor Weihnachten ab. Diesem Rummel kann man sich ja eventuell noch entziehen, indem man versucht, in der Adventszeit für sich bewusst Momente der Einkehr und Stille zu gestalten. Dennoch: die Welt ist eben nicht so hell, strahlend, friedlich und harmonisch, wie wir es gerne hätten. Dieser Tatsache kann man sich nicht verschließen. Manchmal beginnt der Unfriede bereits in der eigenen Familie. So bleibt die Sehnsucht, wie ein Kind fröhlich und unbeschwert Weihnachten zu erleben, oft ein unerfüllter Traum. „Ach“, wäre das schön! Doch wie weit sind wir davon entfernt.“
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Predigt von Pfr. i.R. Gerhard Köhnlein
Liebe Gemeinde aus St. Rupert, St. Wunibald, aus St. Franziskus und Emmaus!
Am Buß- und Bettag einen Ökumenischen Gottesdienst gemeinsam zu feiern, ist für unsere Gemeinden hier in den Siedlungen-Süd nun schon fast Tradition. Der Buß- und Bettag als ein Tag der Besinnung und Neuorientierung ist ja ursprünglich ein evangelischer Feiertag. An ihm geht es darum, über individuelle und gesellschaftliche Irrwege nachzudenken, sie vor Gott zu bringen und im Lichte seiner Wahrheit zu korrigieren. Dieses Anliegen kann und muss uns als Christen über alle Konfessionsgrenzen hinweg verbinden. „Umkehren und leben“ steht daher als Überschrift über diesem Gottesdienst als eine Herausforderung, die uns alle angeht.
Nun weckt die Bezeichnung „ Buß- und Bettag“ heute bei vielen Zeitgenossen leider Missverständnisse. Buße wird als Strafe für eine Überschreitung, als eine Art Schadensersatz gedeutet. So sprechen wir z.B vom „Bußgeld“, das zu zahlen ist, wenn wir mit dem Auto zu schnell gefahren sind. In der Bibel meint Buße aber eine Neuausrichtung von Geist und Sinn, weg vom Alten, hin zum Neuen, ein sich Ausrichten auf neue Wege. Es geht darum, falsche Wege und Verhaltensweisen zu erkennen und sie zu verlassen, also umzukehren. Das mag schwer fallen. Es ist eben einfacher, in den gewohnten Bahnen weiter zu machen, und oft fühlen wir uns auch hilflos, etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern. Doch der Ruf zur Umkehr ist letztlich ein Lockruf, verbunden mit dem Angebot Gottes, das Leben neu zu finden. „Kehrt um, und ihr werdet leben“, so ruft es bereits der Prophet Hesekiel dem Gottesvolk zu.
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von Pfarrer Walter Lupp
Eine eigenartige Geschichte vom Teich Betesda wird uns hier berichtet, liebe Gemeinde. Ganz versunken in eine andere Welt, die uns weitgehend fremd ist. Obwohl – na ja, der Glaube an solche Wunderheilungen nimmt wieder zu. Die Menschen geben viel Geld aus für Heilungsmethoden, die nicht selten einen starken Glauben an ein Wunder voraussetzen. So gesehen erscheint es dann gar nicht verkehrt sich diese Wundeheilung am Teich Betesda anzuschauen. Es könnte ja sein, dass wir für unsere heutige Zeit die eine oder andere Antwort gewinnen.
Genau genommen greifen da zwei Wundergeschichten ineinander. Der Teich Betesda, den es tatsächlich gibt, ein Ort, den man heute noch besichtigen kann, zog magisch kranke Menschen an. Solche mit Langzeiterkrankungen zumal und Krankheiten, die unheilbar waren. Dort, an diesem Teich bei Jerusalem, dort könnte einem noch geholfen werden. Man darf sich diesen Ort als eine Mischung aus Wallfahrtsort und Sanatorium vorstellen. Die Kranken kamen, zum Teil von weit her, um im Wasser dieses Teiches Heilung zu finden und die Kranken blieben an diesem Ort, oft genug ihr Leben lang. Da humpelten und robbten und krochen sie früh am Morgen dorthin und suchten einen günstigen Liegeplatz zu finden. Nicht weit vom Wasser weg.
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Predigt von Pfarrer W. Lupp
Liebe Gemeinde, jetzt mal ganz ehrlich: Sie alle, die Sie hier sitzen, gehören zu den Reichen dieser Welt. Die meisten von Ihnen haben ein eigenes Haus, ein Auto dazu. Sie sind ordentlich und warm angezogen und drei Mal am Tag steht eine Mahlzeit auf dem Tisch. Jeden Monat kommt Geld aufs Konto, das zum Leben reicht. Armut, nach der internationalen Definition, bedeutet weniger als einen Euro Einkommen am Tag und eine Lebenserwartung von durchschnittlich 55 Jahren. Ganz klar, wir gehören zu den Reichen dieser Welt.
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Predigt zum Erntedankfest 2011 von Pfarrer Walter Lupp
Liebe Gemeinde, im Kino läuft zur Zeit ein Film über Mülltaucher. Mülltaucher sind Menschen, die sich ausreichend, gesund und durchaus schmackhaft von Lebensmitteln ernähren, die sie aus Mülltonnen, vorzugsweise an großen Supermärkten, herausfischen. Die meist jungen Leute fischen sich ihren Müll nicht aus sozialer Not aus den Mülltonnen. Für sie ist es ein Protest gegen die gigantische Lebensvernichtung in unserer Welt. In dem dazu erschienen Buch „Die Essensvernichter“ werden die Zahlen aufgelistet und die Hintergründe dieser Verschwendung dargestellt. Nur eine einzige Zahl: in Deutschland wird soviel Brot weggeworfen, dass man damit die Einwohner Niedersachsens ein Jahr lang mit Brot versorgen könnte. Beim Brot, denke ich, tut es besonders weh, weil es für uns eine symbolische Bedeutung hat: unser täglich Brot gib uns heute. Auf dem Erntedankaltar liegt deshalb Brot. Es tut mir körperlich weh, solche Filme zu sehen und solche Bücher zu lesen. Für mich drückt sich darin aus, wie verrottet und wie pervertiert inzwischen sich das Verhältnis der Menschen zur Natur, zu ihrer Umwelt entwickelt hat. Wir Menschen leben in einem völlig zerrütteten Verhältnis zu unserer Mitwelt, wie ich es lieber nenne.
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von Pfarrer Walter Lupp am 4.9.2011
Liebe Gemeinde,
Ich lese aus dem Matthäusevangelium, in einer neueren Übersetzung:
Dann sagte Jesus: "Was meint ihr zu folgender Geschichte: Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: 'Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg!' Aber der antwortete: 'Ich will nicht!' Später tat es ihm leid und er ging doch. Genauso bat der Vater seinen zweiten Sohn. Der antwortete ihm: 'Ja, Herr!' Aber er ging nicht hin. Wer von den beiden Söhnen hat getan, was der Vater wollte?" Die führenden Priester und Ältesten des Volkes antworteten: "Der erste." Da sagte Jesus zu ihnen: "Amen, das sage ich euch: Die Zolleinnehmer und die Prostituierten kommen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch - und lehrte euch den Weg, der vor Gott richtig ist. Aber ihr habt ihm nicht geglaubt. Die Zolleinnehmer und Prostituierten dagegen haben ihm geglaubt. Und nicht einmal, als ihr das gesehen habt, habt ihr euer Leben geändert und Johannes Glauben geschenkt."
Liebe Gemeinde, ich möchte Sie heute mitnehmen in meine Predigtwerkstatt. Das kann ja mal ganz interessant sein, zu sehen, wie eine Predigt zustande kommt. Eigentlich wäre es noch viel schöner, die Predigt mit ihnen gemeinsam zu erarbeiten, denn Sie hätten bestimmt gute Ideen und eine Menge zu sagen.
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von Pfarrer Walter Lupp am 28.8.2011
Nein, liebe Gemeinde, wir kennen seine Gedanken nicht. Was er in diesemAugenblick gedacht hat, was ihm durch den Kopf ging, wir wissen esnicht. Noch nicht einmal, ob er wirklich je so dagesessen ist, den Kopfin die Hand gestützt. Es kann gut so gewesen sein, wenn ihm denn dierömischen Soldaten und die voranhetzende Menschenmeute, gierig aufdie Sensation einer öffentlichen Hinrichtung, überhaupt Zeit ließen zumNachdenken. Der Meister, der die Figur für die Dreifaltigkeitskirche inGörlitz geschaffen hat, wollte die Menschen seiner Zeit in das Gescheheneinbeziehen. Sie einladen mit dem rastenden Jesus zu rasten, mit demsinnierenden Jesus zu sinnieren, seine Erinnerungen, seine Gedanken zuteilen, freilich immer die, die wir ihm, wohl begründet, in die Stirn legen.Wir sind eingeladen uns dazuzugesellen seine und unsere Gedankenzu teilen, seine und unsere Ängste auszusprechen, seine und unsereHoffnungen zu bedenken. „Der rastende Christus“ – so mag er vielleichtgesessen sein, abgerissen, die Spottkrone auf dem Haupt, getrocknetesBlut am Körper, erschöpft und am Ende. Wir setzen uns an seine Seite.
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von Pfarrer i.R. Gerhardt Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Auf keinem Stadtplan findet man den Namen, und doch ist er seit etlichen Jahren längst üblich geworden: die Bezeichnung „Siedlungen Süd“ für das Wohngebiet, das neben der Gartenstadt identisch mit dem Gebiet unserer Emmaus-Kirchengemeinde ist. In der Tat sind es verschiedene Siedlungen, die in mehreren Phasen entstanden sind: Häuser für Familien, umgeben von oftmals geräumigen Gärten, aus denen man sich weitgehend selbst versorgen konnte. Auch meine Eltern haben in den 30er Jahren so ein Siedlungshaus gebaut. Hier wuchsen ich und mein Bruder auf, hier lebten wir jahrzehntelang als Familie. Ein Häuschen mit Garten, das war und ist für viele auch heute noch Teil der Bemühungen, dem eigenen Leben einen sicheren, äußeren Rahmen zu geben, sozusagen sein Lebenshaus zu errichten, und wenn man sich dabei nicht hoffnungslos überschuldet, kann das ja auch gut gehen.
Sich eine gesicherte Existenz aufzubauen, ist das Ziel vieler Anstrengungen, die wir dafür unternehmen. Dazu muss man nicht unbedingt ein Haus bauen. Sich eine berufliche Position erarbeiten, aus der man nicht ohne weiteres verdrängt werden kann, gehört dazu, wie die Schaffung einer finanziellen Rücklage oder sogar eines Vermögens. Doch wie sicher ist das alles
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von Pfarrer i.R. Gerhardt Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Eine kleine Unachtsamkeit - und schon ist es passiert: Ich steige in den Bus. Noch bevor ich einen festen Halt gefunden habe, fährt er an. Für einen Augenblick verliere ich das Gleichgewicht, und schon pralle ich auf die neben mir stehende Person. „Entschuldigung!“ sage ich schnell, und ich bin froh, dass der andere freundlich zurücklächelt. Damit ist die Sache erledigt. Ja, so ist das eben: Wo Menschen zusammenleben, da treten wir uns schon mal auf die Zehen. Freilich nicht immer ist das so harmlos wie im Bus. Wenn wir z.B. miteinander in Streit geraten und dem anderen im Zorn ein böses Wort an den Kopf werfen, dann kommt uns das „Entschuldigung“ schon nicht mehr so leicht über die Lippen. Vor allem ist es gar nicht so sicher, dass der andere die Entschuldigung auch sofort annimmt. Verletzungen sind dies, die wir uns gegenseitig zufügen. Manche heilen so schnell wie der Schnitt in den Finger beim Zwiebelschneiden. Andere hinterlassen Narben, die zwar nicht mehr schmerzen, aber doch ein Leben lang an die Wunde erinnern, von der sie herrühren. Und dann gibt es auch die Verletzungen, die nie zu heilen scheinen, weil das, was danach kam, schlimme Folgen hatte. Wer sich etwas mit Geschichte beschäftigt, kann immer wieder einmal erschrecken, was sich Völker im Laufe von Jahrhunderten gegenseitig an Verletzungen zugefügt haben und was sie sich manchmal auch jetzt noch antun. Solche Verletzungen gibt es aber auch unter Arbeitskollegen, unter Nachbarn und nicht selten innerhalb von Familien, manchmal sogar zwischen Eheleuten. Die entscheidende Frage freilich bleibt: Wie kann das Leben weitergehen, wenn man sich gegenseitig tief verletzt hat?
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von Pfr. Walter Lupp
Liebe Gemeinde, Drei Mal: Heilig, heilig, heilig. Am Sonntag Trinitatis. Offensichtlich ein großer Tag im Kirchenjahr. Ganz wichtig! Ganz hoch! Aber auch: reichlich unbekannt. Unter den großen Feiertagen im Kirchenjahr wohl der unbekannteste. Nicht umsonst braucht es zur Erklärung des einen mehr als 20 Sonntage „nach“ Trinitatis, das meint nicht nur zeitlich „danach“, sondern auch gemäß Trinitatis, bezogen auf Trinitatis, gleichsam eine Auslegung von Trinitatis. Ein sehr theologischer Feiertag, wenig anschaulich, mehr noch, ein schwieriger Tag im Kirchenjahr. Trinitatis! Was soll sich jemand darunter vorstellen? Die Lesungen des heutigen Sonntags zeigen es: lauter schwierige Lesungen. Mit diesem Tag können wir als Kirche nicht punkten. Das hat auch seinen guten Grund. Am heutigen Sonntag Trinitatis geht es um die Frage, wie man sich Gott vorzustellen hat. Es geht um Gottesnamen und Gottesbilder. Kein Thema, mit dem man Massen bewegt.
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Dr. Reinhard Prechtel
Haben Sie Durst?
Ich meine jetzt nicht den Durst nach Wasser,
sondern ich meine
- den Durst nach Leben, nach Sinn, nach Erfüllung,
- den Durst nach Liebe, nach Annahme, nach Geborgenheit,
- den Durst nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach einem ausreichenden Lebensunterhalt für alle
Haben Sie Durst?
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Ältere Predigten finden Sie in unserem Predigtarchiv

von Pfr. Walter Lupp
Liebe Gemeinde, Quasimodogeniti, da geht es um die Neugeborenen im Glauben, Sonntag nach Ostern. Wie immer nach einem großen Fest kehrt der Alltag, auch der Alltag des Glaubens, wieder ein. „Normalität“ macht sich breit. Vom Osterbrot zum täglichen Brot, von Osterlicht zur Arbeitsbeleuchtung, vom festlichen Ostermorgen zum täglichen Erwachen in einen ganz normalen Tag hinein. So ist das eben. Das Osterfest ist geronnen zu einem Satz im Glaubensbekenntnis: „Auferstanden von den Toten“. Nun geht es darum, die Osterbotschaft, die Auferstehung herunterzubrechen in alltäglich erfahrbare Portionen. Jetzt heißt es mit kleiner Münze zu zahlen – die gewaltige, hell strahlende Botschaft zu transformieren in den Glaubensalltag. Der Evangelist Johannes berichtet ein Ereignis nach Ostern, das zeigt, was ich meine:
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von Pfr. i.R. Gerhard Köhnlein
Man kann, liebe Gemeinde, auf sehr verschiedene Weise die Ereignisse am Karfreitag, der Todesstunde Jesu, betrachten. Man kann, wie es Joseph Haydn tat, die sieben Worte Jesu am Kreuz musikalisch betrachten. Man kann, wie es bildende Künstler vorgemacht haben, die Szene anschauen und sich in Details vertiefen, denken Sie an die langen, verzweifelt greifenden Finger eines Matthias Grünewald im Isenheimer Altar. Man kannn, wie bei einem Passionsspiel, die an der Kreuzigung beteiligten Personen anschauen, sich selber zu ihnen stellen. Ein wenig in dieser Art tut es der Evangelist Lukas.
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von Pfarrer Walter Lupp
Liebe Gemeinde, der österreichische Kabaretist Karl Farkas hat vor vielen Jahren einmal folgenden Rat gegeben: Die Wahrheit kann man nur in der Übertreibung ausdrücken. Er fügte gleich ein Beispiel hinzu: Gehst als Kabaretist auf die Bühne und sagst der Bundeskanzler hat da was nicht ganz richtig gemacht, wird dir keiner zuhören. Sagst aber: der Bundeskanzler ist ein Volltrottel, dann hör’n dir alle zu.
So ist es. Bill Gates hat die Milliardäre der Welt, also die Reichsten der Reichen dazu aufgerufen einen großen Betrag, in Milliarden Dollar zu berechnen, einem Fond zur Verfügung zu stellen, mit dem dann wirklich geholfen werden kann. Das stand in allen Zeitungen
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von Pfarrer i. R. Gerhard Köhnlein
Liebe Gemeinde!
„Manchmal fühle ich mich wie ein mutterloses Kind, weit von zu Hause entfernt“ - so heißt es in dem Spiritual der schwarzen Sklaven in Amerika, den wir soeben gehört haben, und wer von uns kennt das Gefühl nicht, das darin zum Ausdruck kommt: Die Erfahrung von Verlassenheit, verbunden mit der Sehnsucht nach Geborgenheit und Heimat. Die Schrecken der vergangenen Wochen haben es bei vielen von uns ausgelöst. Das Erdbeben in Japan mit dem dadurch entstandenen Tsunami: totale Verwüstung und Zehntausende von Toten innerhalb weniger Minuten; dann der GAU in Japans Atomreaktoren und die lebensbedrohliche Radioaktivität in Luft, Wasser und Lebensmitteln. Was uns so sicher und beherrschbar schien – mit einem Schlag ist unsere vermeintliche Sicherheit in Frage gestellt.
Doch dann ist da auch noch der Krieg in Libyen, in den wir uns auf keinen Fall hineinziehen lassen wollen. Warum muss es überall in der Welt so viel Leid geben, wo wir uns doch alle nach Frieden und einen ruhigen Leben sehnen?
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von Pfarrer Walter Lupp
Ich lese aus dem Lukasevangelium in einer modernen Übersetzung, der Basisbibel.
Einst lebte ein reicher Mann. Er trug einen Purpurmantel und Kleider aus feinstem Leinen. Tag für Tag genoss er das Leben in vollen Zügen. Aber vor dem Tor seines Hauses lag ein armer Mann, der Lazarus hieß. Sein Körper war voller Geschwüre. Er wollte seinen Hunger mit den Resten vom Tisch des Reichen stillen. Aber es kamen nur die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.
Dann starb der arme Mann. Die Engel brachten ihn zu Abraham und setzten ihn an dessen Seite. Auch der Reiche starb und wurde begraben. Im Totenreich litt er große Qualen. Einmal blickte er auf und sah in weiter Ferne Abraham und Lazarus an seiner Seite. Da schrie er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir! Bitte schick Lazarus, damit er seine Fingerspitze ins Wasser taucht und meine Zunge kühlt. Ich leide schrecklich in diesem Feuer! Doch Abraham antwortete: Kind, erinnere dich: Duz hast deinen Anteil an Gutem schon im Leben bekommen – genauso wie Lazarus seinen Anteil am Schlimmen. Dafür findet er jetzt hier Trost, du aber leidest. Außerdem liegt zwischen uns und euch ein tiefer Graben. Selbst wenn jemand wollte, könnte er von hier nicht zu euch hinübergehen, genauso wie keiner von dort zu uns herüberkommen kann.
Da sagte der Reiche: So bitte ich dich, Vater: Schick Lazarus wenigstens zu meiner Familie. Ich habe fünf Brüder. Lazarus soll sie warnen, damit sie nicht auch an diesen Ort der Qualen kommen! Aber Abraham antwortete: Sie haben doch Mose und die Propheten: Auf sie sollen sie hören! Der Reiche erwiderte: Nein, Vater Abraham! Nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie ihr Leben ändern. Doch Abraham antwortete ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, dann wird es sie auch nicht überzeugen, wenn jemand vom Tod aufersteht.
Eine ziemlich ärgerliche Geschichte, liebe Gemeinde. So stellen sich unsere Gegner die Kirche vor. Typisch klerikale Schwarz-Weiß-Malerei. Arm und Reich, Gerecht und Ungerecht – im Himmel wird es dann genau umgekehrt sein: in Abrahams Schoß der eine, der andere schmort in der Hölle. Bei mir sträubt sich etwas gegen so ein Bild von Gott. Ich kann mir eine solche Vereinfachung, eine solche Simplifizierung des Lebens nicht vorstellen. Es kann gut sein, dass die Bilder heute noch vorkommen: da die Reichen in Saus und Braus und dort die Armen an den Straßen und in den Slums. Wer genauer hinschaut, wird schnell merken, dass die Situation viel komplizierter ist. Weltweit betrachtet gehören wir alle hier zu den Reichen, auch wenn jemand von einer kleinen Rente oder HartzIV leben muss. Auf unser Land betrachtet sieht das durchaus anders aus. Was also ist Armut? Was Reichtum? Wo fängt das eine an und hört das andere auf? Nach der OECD gilt die Grundformel weniger als 60% des Durchschnittseinkommens eines Landes. Insofern ergibt sich von selber, dass Armut in verschiedenen Ländern oder Regionen unterschiedlich definiert wird. Aber was bedeutet schon Durchschnittseinkommen?
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von Dr. Reinhard Prechtel
Sind Sie schon einmal einer sprechenden Schlange begegnet? Ich nicht.
Wir haben hier beim Joggen im Wald schon einmal eine Schlange gesehen.
Sie lag vor uns auf den Weg.
Vielleicht hätte sie auch gesprochen.
Aber meine Frau hat so laut geschrien,
da hatte die Schlange keine Chance mehr.
Das erste Mal ist mir das in unseren Flitterwochen passiert.
Da gehen wir gemeinsam spazieren.
Glücklich, als frisch vermähltes Paar.
Plötzlich fängt meine Frau zu schreien an.
Ich bin vor Schreck auf die Seite gesprungen.
Ich wusste gar nicht, was los ist.
Damals habe ich erfahren, wie Lydia auf Schlangen und übrigens auch auf Blindschleichen reagiert.
Also sprechenden Schlangen bin ich noch nicht begegnet.
Aber was mir sehr wohl vertraut ist, ist das, was die Schlange in der Geschichte vom Sündenfall sagt:
„Sollte Gott gesagt haben?“
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Von Pfarrer i. R. Gerhard Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Was ist eigentlich wirklich wichtig im Leben? Haben Sie sich das auch schon gefragt? Ich bin überzeugt, dass jede und jeder irgendeinmal in seinem Leben vor dieser Frage steht. Gewiss, im Alltag spielt diese Frage so gut wie keine Rolle. Da sind wir eingebunden und eingespannt in die Aufgaben und Pflichten, die nun eben mal zu erfüllen sind. Für viele sind es der Beruf und die Familie oder auch Haushalt und Garten, die unsere Zeit und Kraft beanspruchen. Vielfältige Erwartungen und Ansprüche sind an uns gerichtet. Wir versuchen, ihnen einigermaßen zu entsprechen und möglichst nicht aus der uns zugewiesenen Rolle zu fallen. Wir hoffen, auf diese Weise auch die Anerkennung der Menschen in unserem Umfeld zu bekommen. Die Frage, was wirklich wichtig ist im Leben, scheint damit beantwortet zu sein.
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von Pfarrer Walter Lupp
Liebe Gemeinde, haben Sie schon einmal versucht, einem Kind Gott zu erklären. Sagen wir mal dem zehnjährigen Kevin, dessen Interesse unstillbar an den Dingen dieser Welt hängt, an den lebenden und den toten. Kevin, der wie Einstein jedes Geheimnis der Naturwissenschaft aufspürt. Natürlich möchte Kevin auch etwas über Gott wissen. Wie er aussieht, wo man ihn finden kann und warum man ihn nicht sehen kann. Sie kommen ins Schwitzen, ich ahne es. Irgendwann werfen Sie Ihre Autorität als Eltern oder Großeltern in die Waagschale und erklären die Diskussion für beendet. Gott gibt es, Basta. So wie es die Kirche lange genug getan hat. In der Schule versuchen wir es mit Geschichten, solchen aus der Bibel zumal. Eine davon steht im 2. Buch Mose.
Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn ader Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr aGeschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.
Ich lasse die Geschichte unangetastet.
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Predigtreihe zur Taufe
Predigt am 23. Januar 2011 in Emmaus
von Pfarrer i. R. Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Dreimal gießt der Pfarrer oder die Pfarrerin dem Täufling Wasser über den Kopf und spricht dabei: „Ich taufe ich im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Das ist Taufe, wie wir sie kennen. Da sie meist bei kleinen Kindern geschieht, hat diese Handlung etwas Rührendes, und Eltern, Paten und die Taufgemeinde nehmen wohlwollend wahr, wie das Kind auf das angewärmte Wasser reagiert: Lächelt es, schreit es oder schläft es einfach weiter? Doch Taufe kann auch ganz anders geschehen. In den orthodoxen Kirchen z.B. wird das Kind völlig untergetaucht. Bei den Baptisten steigt der meist jugendliche oder erwachsene Täufling mit dem Pfarrer in ein großes Taufbecken, das aussieht wie ein kleiner Swimmingpool. Ja, und dann gibt es immer wieder auch die Taufen in Flüssen wie dem Jordan, in Seen und Schwimmbädern. Meist wird dabei der Taufbewerber ganz unter Wasser getaucht, um dann wie jemand, der frisch gebadet hat, wieder daraus empor zu steigen. Wie auch immer die Taufe vollzogen wird, Wasser spielt dabei eine wesentliche Rolle. Wir müssen uns allerdings bewusst sein, dass Taufe von ihrem Ursprung her immer etwas mit Ein- bzw. Untertauchen zu tun hat. Die Form des vorsichtigen Besprengen des Kopfes mit Wasser bei der Taufe, wie sie bei uns üblich ist, ist eigentlich eine Verkürzung dessen, was im Taufgeschehen zum Ausdruck gebracht werden soll.
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von Dr. Reinhard Prechtel
am Altjahresabend 2010
Liebe Gemeinde!„Durch Stille sein und Hoffen würdet ihr stark sein.“?Würden wir das auch so sagen?Gilt in unserer Welt nicht viel mehr der Spruch:„Hoffen und Harren macht manchen zum Narren.“?
Unsere Politiker müssen zeigen, dass sie etwas machen.
Wenn irgendein Thema durch die Nachrichten geistert,
wird sofort danach geschrien,
dass man doch etwas tun muss.
Auf die Schnelle werden Gesetze erlassen,
bis die Nachricht wieder aus den Medien ist.
Es ist gut, wenn man als Politiker als „Macher“ da steht.
Was würden wir zu einem Politiker halten,
der in einer großen Krise sagt:
„Nun seid stille und hofft.“
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von Pfr. i. R. G. Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Eines dürfte uns allen, die wir uns heute hier versammelt haben, gemeinsam sein: Wir möchten in diesem Gottesdienst etwas erfahren, das uns gut tut. Dabei können unsere Erwartungen recht verschieden sein: Mancher möchte vielleicht Dankbarkeit für Gutes und Schönes, das er erfahren hat, im Singen und Beten zum Ausdruck bringen. Andere suchen im Gottesdienst den Ort, an dem sie loslassen und befreit durchatmen können. Wieder andere hoffen auf das hilfreiche Wort, das ihnen Wegweisung und Orientierung für bevorstehende Aufgaben sein kann. Eines aber möchten wir nicht so gerne: Dass wir in Frage gestellt, und von neuem oder zusätzlich zu unseren sonstigen Belastungen unter Druck gesetzt werden. Der Glaube soll uns
helfen, unser Leben zu meistern. Das ist ein berechtigter Wunsch, und er entspricht auch dem Evangelium, der frohen Botschaft von der Liebe Gottes, die im Mittelpunkt eines jeden Gottesdienstes stehen soll. Und dennoch
müssen wir uns dessen bewusst sein: In jeder Begegnung mit dem lebendigen Gott wird uns ein Spiegel vorgehalten, in dem wir erkennen, wer wir wirklich sind und wie es um uns steht. An vielen alten Kirchen ist das symbolhaft darstellt. Über dem Torbogen der Eingangspforte findet sich nicht selten eine Darstellung des Jüngsten Gerichts - so auch an der Lorenz- und der Sebalduskirche hier in Nürnberg. Wer durch diese Pforte eintritt, soll erinnert werden: „Du kannst das Ziel deines Lebens auch verfehlen.
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von Dr. Reinhard Prechtel
Die WM in Südafrika ist schon wieder Geschichte. Eine Diskussion vor dieser WM war, dass unser Teamchef Klose und Podolski in das Team gewählt hat. Sie hatten beide eine schlechte Saison gespielt, sie waren nicht so gut wie andere, sie hatten es nicht verdient unter den besten Elf zu sein. Aber der Teamchef hat sie erwählt. Er hat ihnen vertraut. Gegen alle Kritik hat er diese Erwählung durchgehalten.
War das ungerecht? Geht es im Fußball nicht nur um Leistung? Ganz knallhart: heute gefeiert, morgen gefeuert?
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von Pfarrer i. R. G. Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Sommer, Urlaub und Ferien – wenn in der kommenden Woche endlich auch die Schulkinder in Bayern die Schultaschen in die Ecke verfrachten dürfen, beginnt für viele eine der schönsten Zeiten des Jahres. Die beruflichen und sonstigen alltäglichen Pflichten treten in den Hintergrund. So sind die kommenden Wochen mit einer Menge von positiven Erwartungen und Hoffnungen verbunden: Zeit haben für sich und die Familie, ausspannen, neue Impulse auf einer Reise empfangen, und schließlich wieder Kräfte sammeln für die Zeit danach. Freilich wissen wir aus eigener Erfahrung, wie wenig selbstverständlich es ist, dass diese Erwartungen und Hoffnungen auch in Erfüllung gehen
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von Pfarrer i. R. G. Köhnlein
1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2010
Liebe Gemeinde!
Nun hat uns also der Alltag wieder. Das Fest ist vorüber. Die Kerzen am Christbaum sind heruntergebrannt, die festlichen Klänge der Weihnachtskonzerte sind verhallt. Die Weihnachtsferien und die freien Tage zwischen den Feiertagen sind Vergangenheit. An die Stelle des Lobgesangs der Engel an Weihnachten tritt allmählich wieder das alte Lied, in dem es um die Friedlosigkeit in unserer Welt und um unsere persönlichen Ängste und Sorgen geht. Wir kehren zurück zur Normalität. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass nach der Ordnung des Kirchenjahrs noch bis Ende Januar Weihnachts- und Epiphaniaszeit ist. Doch was heißt „Normalität“ für uns, die wir Weihnachten gefeiert haben, die wir die Botschaft gehört haben, dass Gott für uns Mensch geworden ist, um uns und unsere Welt zu retten? Können, dürfen wir wirklich so tun, als sei alles, wie es immer war
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Predigt von Pfarrer i. R. G. Köhnlein
Sonntag Okuli 2010, 7. März
Liebe Gemeinde!
„Meine Augen sehen stets auf den Herrn“ bekennt der Beter des 25. Psalms, und ich frage mich: Können wir das auch von uns sagen? Woran richten wir unser Leben aus? Und wann halten wir Ausschau nach Gott? Ich vermute, dass es da ein Verhaltensmuster gibt, das auf viele - auch unter uns - zutrifft:
Wenn alles in unserem Leben so läuft, wie es unseren Vorstellungen entspricht, dann neigen wir dazu, dies für selbstverständlich zu nehmen. Gott spielt dabei eher am Rande eine Rolle.
Freilich braucht es nicht viel, dass diese Selbstverständlichkeit erschüttert wird: Ein Unfall, eine Krankheit – und plötzlich ist nichts mehr so wie zuvor. Gott-sei-Dank sagen wir, wenn wir nochmal davon gekommen sind, und wir bitten ihn im Bewusstsein der Gefährdung unseres Lebens um Bewahrung und Hilfe für uns und unsere Lieben. Ja, einen Gott, der behütet und Wunden heilt, brauchen wir. Auf ihn zu schauen, bindet Ängste und lässt aufatmen.
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am 4. Adventssonntag 2009
von Pfarrer i.R. Gerhard Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Unter der Überschrift „Weihnachten am besten abschaffen?“ konnte man am vergangenen Wochenende in den Nürnberger Nachrichten lesen: „Viele Deutsche bekommen beim Gedanken an das Weihnachtsfest ziemlich gemischte Gefühle. Sie sehen sich unter Druck und fürchten sich vor Streit, ergab eine repräsentative Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg. Fast jeder Fünfte (18,6 Prozent) würde Weihnachten am liebsten abschaffen. Jeder Vierte gibt an, die Feiertage setzten ihn massiv unter Druck, da man sich um so viel kümmern müsse. Bei den Frauen sind dies sogar 29,4 Prozent (Männer 19,2). 22,8 Prozent empfinden das Fest als äußerst stressig. Jeder Sechste gibt zu, dass dann zu Hause meist dicke Luft herrscht.“
So weit die Pressemeldung. Darüber, was von solchen Umfrageergebnissen zu halten ist, kann man geteilter Meinung sein. Immerhin machen sie deutlich, dass das frohe Weihnachtsfest, das wir uns in diesen Tagen unzählige Male wünschen, oft mehr Ausdruck einer Sehnsucht als eine wirkliche Erfahrung ist. Jedenfalls gibt es eine Menge Dinge, die uns die Freude an Weihnachten gründlich verderben können. Oder geht die Weihnachtsfreude womöglich deshalb so oft verloren, weil der eigentliche Grund des Festes trotz all der Lichterketten, der Geschenkeberge und der Gourmet-Festessen in Vergessenheit zu geraten droht? Da ist es wichtig, dass wir uns immer wieder, besonders aber in diesen Tagen vor Weihnachten, daran erinnern lassen, dass wir als Christen Anlass zur Freude haben, zu einer Freude, die aus dem Herzen kommt und die unser ganzes Leben durchdringen will. So hören wir, was der Apostel Paulus vor fast 2000 Jahren der Gemeinde in Philippi schreibt:
„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte laßt kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Phil 4,4-7)
Als Paulus diese Worte schreibt, sitzt er im Gefängnis in Ephesus, ist also in einer gewiss nicht sehr erfreulichen Situation. Wie es mit ihm weitergehen wird, ist ungewiss. Die Gemeinde in Philippi in Mazedonien, zu der Paulus ein besonders herzliches Verhältnis hat, hatte ihm Gaben zukommen lassen. Nun will er sich dort bedanken. Doch der Dank für die Gaben steht erst ganz am Schluss des Briefes. Im Mittelpunkt seines Briefes aber steht der Dank für das, was Christus für ihn und für die Gemeinde ist. Immer wieder kommt Paulus auf die Freude zu sprechen, die ihren Grund im Glauben an Jesus Christus hat. Er weiß, dass er sich dabei wiederholt. Dennoch ruft er es den Christen in Philippi – und mit ihnen wohl auch uns – zu:
„Freuet euch in dem Herrn allewege! Und abermals sage ich: Freuet euch!“
Sich immer freuen - geht das denn? Ja, wir kennen Augenblicke des Glücks, da strahlt uns die Freude aus allen Knopflöchern. Da muss uns auch niemand besonders dazu auffordern: „Nun freu dich doch endlich!“ Leider vergehen solche Augenblicke meist sehr schnell, wenn unsere Glücksgefühle konfrontiert werden mit Dingen, die uns das Lachen vergehen lassen. Dafür braucht es gar nicht erst schwerer Krankheit oder plötzlichen Unglücks. Die alltäglichen Sorgen genügen, welchen Anlass sie auch immer haben mögen: in der Partnerschaft, in der Familie oder im Beruf, ob es sich um persönliche Sorgen oder um Sorgen um politische und gesellschaftliche Entwicklungen handelt. Sich Sorgen zu machen, liegt uns im allgemeinen näher, als dass wir uns freuen an dem, was wir haben!
Das weiß auch Paulus. Dennoch ermahnt er uns zur Freude, die allewege, also immer und überall unser Leben bestimmen soll. Und er nennt auch den Grund dafür: „Der Herr ist nahe.“ Wie wohl die meisten Christen seiner Zeit dachte Paulus hierbei an die für die nahe Zukunft erwartete Wiederkunft Christi. Diese Erwartung hat sich ja so nicht erfüllt. Dennoch gilt dieses> seit Weihnachten für alle Zeiten, also auch für uns. Denn das ist ja das Wunder, das sich in der Geburt des Christuskindes im elenden Stall von Bethlehem ereignet: Gott will uns ganz nahe kommen. Er will nicht irgendwo über dieser Welt thronen, sondern er will bei uns sein. Deshalb gibt er sich hinein in unsere menschliche Existenz. Er teilt mit uns das Leben mit seinen Freuden, aber auch mit den Begrenzungen und Nöten. Um Ängste und Leid, unter denen wir so oft leiden, macht er keinen Bogen. In grenzenloser Liebe wird er solidarisch mit uns, und zwar nicht nur mit den Frommen und Tüchtigen, sondern auch mit denen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Dass das so ist, erzählt schon die Weihnachtsgeschichte selbst: Die Ersten, die die Botschaft hören, dass Gott nahe ist, sind die Hirten, also Menschen, die nichts oder nicht viel zu erwarten hatten vom Leben. Später, als aus dem Kind in der Krippe der Prediger Jesus von Nazareth geworden war, sind es die Kranken, die er heilte. Aber auch die, die schuldig geworden waren, erfuhren es hautnah:> Ohne Bedingungen zu stellen, rief Jesus sie zu sich. Er setzte sich an einen Tisch mit ihnen und sie wussten, dass sie nicht von Gott verlassen waren.
Wir kennen diese Geschichten. Doch ist die Botschaft „Der Herr ist nahe“ auch für uns Grund zur Freude? Oder haben wir uns so an sie gewöhnt, als sei sie das Selbstverständlichste auf der Welt? Wissen wir es noch, wovon das Kirchenlied singt: „Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert; das zähl ich zu dem Wunderbaren, mein stolzes Herz hat's nie begehrt. Nun weiß ich das und bin erfreut und rühme die Barmherzigkeit.“?
Ich meine, wir haben es alle schon erlebt, wie wenig selbstverständlich es ist, wenn wir Sorgen und Lasten, die uns niederdrücken, im Vertrauen auf eine gute Zukunft loslassen konnten. Aufatmen, wieder aufbrechen aus Müdigkeit und Resignation, neu anfangen dürfen, wenn man gescheitert ist, wenn man versagt hat oder schuldig geworden ist, welch ein Geschenk der Gnade Gottes ist das, Zeichen der Nähe Gottes in unserem Leben! Weil der Herr nahe ist, weil er bei mir sein will und mich begleitet, darum habe ich Grund zu immer neuer Freude! Wie seltsam, dass wir das so oft in unserem Alltag vergessen und immer wieder ermahnt werden müssen: „Freut euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich: Freut euch!“.
Freilich, wenn uns diese Freude erfüllt, dann können und dürfen wir sie nicht für uns selbst behalten. Darum fährt Paulus in seiner Ermahnung fort:
„Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!“
In der Art, wie wir leben, wie wir einander und anderen begegnen, soll etwas davon spürbar werden, dass der Herr nahe ist. Freude ist ansteckend, sagen wir, und so soll es auch sein. Das ist ja auch der Sinn der Geschenke an Weihnachten. Ich weiß, dass es manchmal schwer sein kann, ein Geschenk für jemanden zu finden, der schon alles hat. Das Besondere eines Geschenkes liegt aber meist nicht zuerst in seinem materiellen Wert, sondern darin, dass ich mich intensiv mit dem anderen beschäftige, um zu entdecken, was ihm oder ihr Freude machen könnte. Da ist Fantasie gefragt, und oftmals sind es eher die Gesten, mit denen wir uns jemandem zuwenden, als die Sachen, die wir verschenken, die Freude machen. Ich denke dabei an Zeit, die wir teilen, einen Besuch, den wir machen, wenn wir dem anderen zuhören, ihn begleiten und so Nähe vermitteln.
Die Güte anderen kund sein lassen, hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass wir teilen, was wir haben. Glücklicherweise gibt es ja seriöse Organisationen, die mit unseren Spendengeldern anderen Freude bereiten und Hilfe zum Leben geben – und das nicht nur an Weihnachten.
An dieser Stelle muss ich mich jedoch selbst unterbrechen. Fragen steigen in mir auf, die ich nicht einfach zur Seite schieben kann. Es ist sicher schön und gut, wenn wir versuchen, Nöte in der Welt zu lindern und anderen eine Freude zu machen. Aber was ändern unsere gut gemeinten Spenden schon an den Verhältnissen in unserer Welt? Tatsache ist, dass die Armut in unserer Welt ständig zunimmt - auch in unserem so reichen Land. Verantwortungslos werden in ihrer Größenordnung kaum noch zu benennende Milliarden von Geldern und Werten vernichtet, und solange auch nur kurzfristige Gewinne zu machen sind, riskiert man das Umkippen unseres Weltklimas und weiteres Elend von vielen Millionen von Menschen. Was bedeutet da die Botschaft „Der Herr ist nahe“? Viel scheint davon nicht zu spüren zu sein. Kein Wunder, dass da kaum noch etwas übrig bleibt von der Freude im Herrn. Machen wir uns vielleicht nur etwas vor, wenn wir versuchen, an Weihnachten für ein paar Tage heile Welt zu spielen, und das oft genug noch mit zweifelhaftem Erfolg?
Ich meine, dass wir mit diesen Fragen an dem Punkt angekommen sind, an dem wir noch einmal darüber nachdenken müssen, was dieser Satz „Der Herr ist nahe“ noch bedeutet. Er weist nämlich nicht nur zurück auf das, was mit Weihnachten und dem Kommen Jesu Christi in unsere Welt begonnen hat. Er weist auch in die Zukunft. Mit anderen Worten: Die Nähe Gottes, die in Jesus erfahrbar, ist erst der Anfang eines Geschehens, dessen Vollendung noch aussteht. Noch kann man so tun, als sei die Botschaft von dem nahen Gott die irre Hoffnung einiger überdrehter Träumer, die sich mit den Gegebenheiten unserer Welt nicht abfinden können. Doch Jesus selbst bleibt der Bürge dafür, dass Gott nahe ist. Sein Weg endet nicht im Tod am Kreuz. Ein uralter Hymnus, den Paulus in diesem gleichen Brief an die Gemeinde in Philippi zitiert, formuliert das so:
„Jesus war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“
Gott wird sein gutes Werk vollenden. Darüber müssen wir uns keine Sorgen machen. Wenn wir darauf vertrauen, werden die Nöte unserer Welt und unseres Lebens nicht einfach verschwunden sein. Ja, wir tragen Verantwortung dafür, dass wir und die Mächtigen Wege zum Frieden, zur Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung suchen und gehen. Doch der Apostel Paulus gibt uns auch einen Rat, wie wir in der Freude über den Gott, der uns schon nahe gekommen ist und dessen Kommen wir erwarten, leben können:
„Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden.“
Auch hier könnte man wieder sagen: Das ist leichter gesagt als getan. Diese Ermahnung des Apostels Paulus will uns jedoch nicht unter Druck setzen. Sie ist vielmehr eine Einladung, mit dem nahen Herrn in unserem Leben zu rechnen. Es geht darum, dass wir loslassen dürfen, was uns unfrei macht. Das bedeutet auch, dass wir uns bei allen Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest nicht unter Druck setzen lassen. Auch und gerade wenn nicht alles perfekt ist, wird möglicherweise wieder Platz für die Begegnung mit dem Kind in der Krippe und damit Anlass zur tiefen Freude, dass der Herr uns nahe ist.
Amen

Predigt über Psalm 126,5 zum Verstorbenengedenken 2009
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
Pfr. Walter Lupp
Liebe Gemeinde, in der Trauer wird man empfindlich gegen fromme Sprüche, überhaupt gegen Allgemeinplätze. Sie mögen noch so sehr stimmen, in dieser Situation, nachdem man einen lieben Menschen verloren hat und um ihn trauert, wirken sie einfach völlig daneben. Natürlich heilt die Zeit Wunden, das wissen wir, aber als Trost taugt dieser Satz nicht. Natürlich muss das Leben weitergehen, aber in der Trauer ist einem nicht danach zumute. Nun also ein Wort aus den Psalmen, ein sehr bekanntes, bestimmt auch wahres Wort, es steht auf manchem Grabstein, ziert Post- und Kondolenzkarten. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Auf den ersten Blick auch so eine allgemeine Floskel. Sie wird nicht besser dadurch, dass sie in der Bibel steht. Vielleicht lohnt es sich, dort einmal genauer hinzuschauen. Der Satz steht im 126 Psalm, dort steht auch eine Überschrift drüber: Der Herr erlöst seine Gefangenen. Es geht um die babylonische Gefangenschaft. Ich helfe ein wenig der Erinnerung nach. 597 vor Christus belagert der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem, nimmt die Stadt ein, erobert sie also, zerstört den Tempel und führt den übrig gebliebenen Teil der Bevölkerung, vor allem den Adel und die Beamten nach Babylon, dem heutigen Irak. Das ganze alte Testament und auch die Auseinandersetzungen Jesu speisen sich aus diesem Ereignis. Es war der totale Einschnitt im Leben des Volkes Israel. Hier hat sich noch einmal sein Glaube entschieden, nämlich an der Frage, warum ist das passiert, warum sitzen wir jetzt hier in Babylon, fern der Heimat, als verspottete und unterdrückte Minderheit. Warum? Die gleichen Warum-Fragen, die auch Trauernde umtreiben. Warum ist das geschehen, warum ist er, ist sie gestorben, warum so und warum jetzt? Ein einziges Grübeln und Stochern in trüben Gedanken. Für Israel war die Antwort schnell klar: Das Volk hat dem Gebot Gottes nicht gehorcht, ist fremden Göttern gefolgt, hat den Bund zwischen Gott und Israel nicht eingehalten. Wenn es denn je wieder ein Israel geben sollte, und das ist unter den Persern dann auch möglich gewesen, ein paar hundert Jahre später, dann wird das Volk die Gebote Gottes genauestens einhalten.
Schauen wir auf die Warum-Fragen in der Trauer, wird die Antwort nicht so leicht gefunden werden. Die Warum-Fragen bleiben letztlich offen. Es mag genügend Gründe geben, die sich aus dem Ablauf des Lebens erklären, Menschen werden alt und sterben, Menschen werden krank und sterben, Menschen rasen auf der Straße und nehmen damit einem anderen das Leben, mancher ist so verbittert und deprimiert, dass er keinen Ausweg mehr sieht und sich selber das Leben nimmt. Da mag Gott irgendwie eine Rolle spielen, aber erst einmal sind es menschliche Erfahrungen, die einfach dazugehören. Aber schon die Frage warum es meinen Mann, meine Frau, oder gar mein Kind getroffen hat, und warum hat er oder sie leiden müssen, Qualen und Schmerzen, und warum jetzt und vor allem auch: wo ist bei alledem Gott gewesen? Ganz schwierige Fragen.
Mir, liebe Gemeinde, hilft da ein betender Blick in die Psalmen, den Psalm 126 zum Beispiel, der mit dem schönen Satz anfängt: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden, dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Großartige, glaubensgewisse Sätze die aber sofort in die Klage münden: Herr, bringe zurück unsere Gefangenen. Das macht mir die Psalmen als Gebete so wertvoll, dass Unaussprechliches nah beieinander steht: Lob und Klage, Rühmen und Weinen. Nagender Zweifel und triumphierende Glaubensgewissheit. In den Psalmen wird auf ganz unterschiedliche Weise sehr nüchtern die Realität des Lebens gesehen, auch die von Krankheit und Tod, von Trauer und Niedergeschlagenheit, hier die schier ausweglose Realität des gefangenen Volkes. Was das in der Antike bedeutet hat, musste man niemandem erklären, die Völker sind nicht zimperlich miteinander umgegangen. Trotzdem wird Gott gerühmt, gelobt und gepriesen aber eben gleichzeitig angefleht. Gott wird, das beten die Psalmen auf ganz typische Weise, Gott wird auf sein Versprechen, auf die schon bisher erfolgten Taten angesprochen. Du warst doch in meinem Leben dabei, hast es begleitet, du kennst mich, meine Not, meinen Kummer. Lass dich daraufhin ansprechen. Ganz menschlich, beinahe wie unter Händlern, wird da mit Gott gesprochen. In Psalm 126 wird Gott auf die Natur hin angesprochen. Bringe zurück unsere Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. Du kannst es ja, du hast es ja bewiesen, wer genau hinschaut sieht das Wirken Gottes in dieser Welt. Nur in meiner Not, in meiner Trauer kann ich es nur schwer erkennen, vielleicht will ich es einfach nicht erkennen – zu tief sitzt der Schmerz über den Verlust eines lieben Menschen und damit doch auch darüber, was Gott mir angetan hat. Der Psalm endet mit einem eingestreuten Lied. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. Mehr ist jetzt nicht möglich. Ein vorgegebener Liedtext, weil die eigenen Worte nicht mehr reichen, weil das Leiden die Menschen eigentlich verstummen lässt, aber das Lied kann noch eingestreut, leise gemurmelt werden. Irgendwo tief im Untergrund, als ein Rest von Gottesglaube und einst erlebter Zuversicht. Das bringt der Psalm jetzt ins Spiel. Mehr nicht. Zu mehr reicht es nicht mehr. Wer kann schon das Leiden verstehen, es deuten, selber sich einen Reim machen. Die Trauer hat müde gemacht, es reicht nicht mehr für große Gedanken. Aber ein Lied, ein in Kinderzeit auswendig gelernter Satz. „Der Herr ist mein Hirte“, vielleicht, oder ähnlich einfache Sätze, die jetzt aus einer längst versunkenen Zeit wieder nach oben geschwemmt werden. In halber Hoffnung nur ausgesprochen. Gott, wenn du da bist, wenn stimmt, was wir damals von dir sagten, wenn wahr ist, was wir geglaubt haben, wenn die Hinweise stimmen, die auf dich weisen im Leben, in der Natur, in der Geschichte, dann, ja dann lass es jetzt in meiner Dunkelheit ein wenig hell werden, dann trockne die Tränen und hebe meinen gesenkten Kopf. Dann, Gott, ja dann lass wahr werden, was ein altes Lied vor sich hinsingt: Die mit Tränen säen, werden mit Freude ernten. Amen

von Pfarrer i. R. G. Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Träumen Sie auch manchmal von einer Welt, in der es keine Mauern und Grenzen mehr gibt, durch die wir Menschen uns voneinander abgrenzen? Vor 14 Tagen sind meine Frau und ich von einer Reise nach Rumänien zurückgekommen. Wir haben viele schöne und auch nachdenklich machende Eindrücke mitgebracht. Bevor man nach Rumänien kommt, muss man Österreich und Ungarn durchqueren. Früher gab es da den sogenannten Eisernen Vorhang, der sich mitten durch Europa zog. Doch welch ein Wunder! An die Grenzen von früher erinnern nur noch verfallende Grenzabfertigungsgebäude. Unser Bus konnte einfach durchfahren.
Dennoch: Unsere Welt ist nach wie vor von Mauern und Grenzen durchzogen. Die Gründe dafür sind vielfältiger Art. Man meint, sich so voreinander schützen zu können und zu müssen. Das reiche Europa schottet sich mit Hilfe einer auf offener See operierenden Polizeiflotte ab gegenüber Flüchtlingen und Asylsuchenden aus den Krisengebieten unserer Erde. Während bei uns die Mauer quer durch Berlin verschwunden ist, lassen Angst und Hass zwischen Israel und Palästinensern neue Mauern wachsen. Abgrenzung voneinander ist eine allgegenwärtige Tatsache in unserer Welt.
Leider gilt das auch für die Kirchen. Zwar gibt es – wenigstens in Deutschland – seit etlichen Jahrzehnten Fortschritte auf dem Weg zueinander, aber immer noch dürfen katholische und evangelische Christen das Abendmahl nicht miteinander feiern. Dass das heute zunehmend als Ärgernis empfunden wird, macht deutlich, dass sich hier in der Praxis etwas ändern muss. Doch wie können wir mit tatsächlich bestehenden Unterschieden umgehen, ohne oberflächlich zu werden oder uns ängstlich voneinander abgrenzen zu müssen? Kann uns der Glaube an Jesus Christus den Weg zeigen, der uns weiterführt?
Die ganze Predigt als pdf-Datei

Predigt zu Matth 5,2-10
(Reformationsfest 2009, 1.11.2009, in Emmaus)
Liebe Gemeinde!
„Was kommt da noch alles auf uns zu?“ so fragt sich mancher, der die Krisenmeldungen ernst nimmt, die da jeden Tag auf uns einströmen. Bankencrash, Weltwirtschaftskrise, Staatsschulden in kaum vorstellbarer Größenordnung, der drohende Verlust des Arbeitsplatzes wie jetzt bei Quelle, weiter wachsender Hunger in der Welt, dazu die fortschreitende Zerstörung unserer Umwelt in Verbindung mit der sich abzeichnenden Klimakatastrophe – es kann einem Angst und Bange werden. Natürlich: Den Kopf in den Sand zu stecken oder die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun – in der Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm werden wird -, ist keine zukunftsweisende Lösung. Was wir brauchen, ist der mutige Blick nach vorn und eine mutmachende Vision davon, wie unsere Welt morgen aussehen könnte, dass man gerne in ihr lebt. Immer wenn wie in diesen Tagen eine Regierung neu ihre Arbeit aufnimmt, erwarten wir, dass sie sagt, welche Hoffnungsziele sie hat und wie sie den Weg dorthin gehen will. In einer Regierungerklärung wird sie darüber Auskunft geben. Freilich, nach einer angemessenen Spanne Zeit wird sie sich daran auch messen lassen müssen, ob und wie weit sie ihre Ziele erreicht hat.
Mit einer Regierungserklärung besonderer Art haben wir es heute auch in diesem Gottesdienst zum Reformationsfest zu tun. Es geht um die Regierungserklärung Jesu, und es handelt sich um die Bergpredigt Jesu. Jesus hatte ja diese Vision von der heilsamen Zukunft, wenn er vom Reich Gottes, von der Königsherrschaft Gottes sprach. „Tut Buße, kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.“ Das war seine Predigt, und was er damit meinte, wurde in seinem Reden und Handeln erkennbar. In der Bergpredigt entfaltet er, welche Werte und Maßstäbe im Reich Gottes gelten sollten. Und er beginnt gleich mit einem Paukenschlag, mit den sogenannten Seligpreisungen:
<Matth 5,2-10>
Für viele von uns sind das vertraute Worte. Wir spüren darin Wärme, sie wirken tröstend. Doch wie fremd sind sie uns dann doch auch wieder! Das beginnt schon mit diesem „Selig sind...“ Im Englischunterricht haben wir geschmunzelt, als wir lernten, dass das Wörtchen „silly“ im Englischen mit dem deutschen Wort „selig“ verwandt ist. „Na denkt an den Gesichtsausdruck der Heiligen in den Kirchen, wie die oft dreinschauen, eben „silly“, etwas einfältig“ erklärte unser Lehrer. Wenn wir von jemandem sagen, er sei selig, dann meinen wir: Er ist glücklich, aber eben ein wenig neben der Wirklichkeit. So steht denn im griechischen Urtext hier auch „makarios“ und das heißt „glücklich“.Die „Gute- Nachricht-Übersetzung gibt das mit „Freuen dürfen sich alle, die..“ wieder.
Freilich, damit wird uns das, was hier gesagt wird, erst recht fremd. Es ist doch seltsam, wer hier glücklich gepriesen wird und wer sich freuen soll:
- Die geistlich arm sind? Möchten wir nicht lieber reiche Erfahrungen im Glauben machen und vorweisen können?
- Die Leid tragen? Wer möchte Trauernden am Friedhof schon sagen, dass sie sich über ihre Trauer freuen sollen?
- Die Sanftmütigen? „Gib bloß nicht immer nach!“ sagen wir schon unseren Kindern.
- Die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit? Muss ich denn ein schlechtes Gewissen haben, wenn es mir gut geht, obwohl es soviel Unrecht um mich herum gibt?
- Die Barmherzigen? Strafe muss doch sein. Wo kämen wir denn sonst hin, wenn niemand mehr für die Folgen seinen Tuns gerade stehen muss?
- Die reinen Herzens sind? Wer kann sich schon aus allem heraushalten?
- Die Friedfertigen? „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“
- Die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden? Muss man nicht auch Kompromisse mit den Verhältnissen und den Mächtigen eingehen?
Eines ist doch ganz sicher: Wir haben im allgemeinen ganz andere Vorstellungen und Maßstäbe für das Glück als die, die Jesus hier entfaltet. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn z.B.ein Kanzler der Bundesrepublik, der sich selbst als Realist bezeichnet, feststellen konnte: „Mit der Bergpredigt kann man die Welt nicht regieren.“ Mit dieser Meinung ist er nicht allein.
Angesichts solcher Einwände stellt sich dann aber die Frage: Was ist von diesen Glücksversprechungen in der Regierungserklärung Jesu zu halten? Müssen wir sie abhaken wie so manche Wahlversprechen der Parteien nach der Wahl? Oder handelt es sich hier um Vertröstungen an die zu kurz Gekommenen, die dann im Grunde freilich Vertröstungen auf ein Jenseits sind. An dieses Jenseits kann man glauben oder auch nicht. Für unser jetziges Leben und die gegenwärtige Wirklichkeit hätten sie dann keine Bedeutung.
Nun ist es mit dem Realismus, der nur gelten lässt, was sichtbar und unmittelbar nachprüfbar ist, so eine Sache. Schon die Erfahrung, die wir mit dem Horizont auf unserer Erde machen, weist uns darauf hin, dass wir immer nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit, die uns umgibt, wahrnehmen. Hinter dem Horizont liegen weitere Länder und Meere, und neue Horizonte tun sich auf, wenn wir uns aufmachen, das vor uns Liegende zu erforschen. Das ist wohl auch ein passendes Bild für die Erfahrung des Reiches Gottes. Für das, was geschieht, wenn wir mit dieser Wirklichkeit rechnen, hat jemand den Ausdruck geprägt: „einen Blick durch den Horizont werfen, durch den Horizont hindurchsehen.“ Da werden dann die Dinge um uns für einen Augenblick durchsichtig, und etwas Neues taucht auf, was die vordergründig sichtbare Welt übersteigt, transzendiert.
Der Blick durch den Horizont – manchmal wird er uns geschenkt. Eine Erfahrung dieser Art machte ich vor Jahren auf einer Israelreise. Unsere Gruppe stand auf dem Berg, der traditionell als Berg der Seligpreisungen bezeichnet wird. Der Blick ging über den See Genezareth und verlor sich langsam in der Ferne im Dunst. Jemand las die Worte der Seligpreisungen, und da war plötzlich der Gedanke in mir da: Wer sagt denn, dass in unserer Welt immer alles so bleiben muss, wie wir es kennen? Könnte es nicht auch eine Welt geben, in der Menschen aufatmen, in der sie sich frei entfalten, in der Gerechtigkeit wohnt? Für einen Augenblick stand es vor mir, das Bild vom Reich Gottes, das Jesus ausruft und in den Seligpreisungen entfaltet.
Ähnliches habe ich später nochmals erlebt. Im Frühjahr 1989 fuhr ich mit dem Zug zwischen Bebra und Göttingen entlang der Grenze zur DDR. Ich kannte diese Strecke von vielen Reisen ziemlich gut, darum achtete ich nicht besonders auf den Zaun und die Grenzanlagen. Da schoss mir der Gedanke durch den Kopf: „Wer sagt denn, dass hier immer eine Grenze sein muss?“ - ein verrückter Gedanke angesichts der Realität! Doch einige Monate später fuhr ich die gleiche Strecke: Da war der Zaun geöffnet, und die Wachtürme unbesetzt...
Die andere Welt Gottes – in solchen Augenblicken leuchtet sie auf. Genau das geschieht in den Seligpreisungen Jesu in der Bergpredigt. Es ist wie die Vision von einer neuen Welt, die in dem Augenblick, in der sie vor Augen steht, auch wirklich fassbar ist. Vielleicht hören wir unter diesem Gesichtspunkt die Seligpreisungen Jesu ganz neu. Lassen wir sie auf uns wirken, wenn ich sie nochmals nach der Die-gute-Nachricht-Übersetzung lese:
Wer sich freuen darf ...
„Freuen dürfen sich alle,
die nur noch von Gott etwas erwarten -
mit Gott werden sie leben in seiner neuen Welt.
Freuen dürfen sich alle,
die unter dieser heillosen Welt leiden -
Gott wird ihrem Leid für immer ein Ende machen.
Freuen dürfen sich alle,
die auf Gewalt verzichten -
Gott wird ihnen die Erde zum Besitz geben.
Freuen dürfen sich alle,
die danach hungern und dürsten,
daß sich auf der Erde Gottes gerechter Wille durchsetzt -
Gott wird ihren Hunger stillen.
Freuen dürfen sich alle,
die barmherzig sind -
Gott wird auch mit ihnen barmherzig sein.
Freuen dürfen sich alle,
die im Herzen rein sind -
sie werden Gott sehen.
Freuen dürfen sich alle,
die Frieden stiften -
Gott wird sie als seine Söhne und Töchter annehmen.
Freuen dürfen sich alle,
die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will -
mit Gott werden sie leben in seiner neuen Welt.“
Ist das alles nur eine Traumwelt? Manchem mag es so erscheinen. Natürlich besteht auch die Gefahr, sich in den Traum von einer anderen Welt zu flüchten und dabei die gegenwärtigen, alltäglichen Probleme zu verdrängen. So richtig funktionieren wird das freilich nicht. Denn die Wirklichkeit holt uns in der Regel schnell wieder ein. Doch wo es uns geschenkt wird, „durch den Horizont zu blicken“, will uns dies nicht einlullen, sondern aufwecken und unser Denken und Handeln anregen. Wir erkennen die Richtung, in die wir aufbrechen sollen. Jesus selbst hat es uns vorgelebt. Das Reich Gottes, dessen nahes Kommen er ankündigt, leuchtet auf, wenn er Kranke heilt, wenn er Menschen, die schuldig geworden sind, einen neuen Anfang schenkt, wenn er sich mit denen an einen Tisch setzt, die in ihrer Gesellschaft zu Außenseitern geworden sind. Deshalb kann er auch sagen: „Gottes neue Welt, sein Reich ist mitten unter euch.“ Das aber gilt auch für uns: Wenn wir Jesu Gegenwart im Gottesdienst feiern, wenn uns Gottes Liebe in der Taufe zugesprochen wird und wir im Abendmahl die Gemeinschaft mit ihm und miteinander erfahren, dann ist Gottes Reich schon unter uns da. D.h.: Wir beginnen schon heute nach den Maßstäben seines Reiches zu leben. Wir gestalten unsere Welt im Sinne der Seligpreisungen. Wir erwarten alles von Gott. Wir stehen auf gegen Leid und Unrecht. Wir leben Gewaltlosigkeit, werden zu Friedenstiftern und lassen Gottes Liebe in unserem Leben Gestalt gewinnen. Dazu gehört im übrigen auch das intensive Bemühen um die Einheit der Kirchen, um die Ökumene – nicht nur mit den Katholiken.
Ob das alles etwas verändert in unserer Welt? Zur Resignation haben wir keinen Grund. Der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti hat das so ausgedrückt:
„Wo kämen wir hin, wenn alle sagen würden: "Wo kämen wir hin?", und keiner würde gehen, um zu schauen, wo man hinkommen würde, wenn man ginge.“
Was es bringt, wenn wir uns von dem Blick durch den Horizont auf das Reich Gottes inspirieren lassen, kann man nicht theoretisch klären. Wir müssen es vielmehr ausprobieren. Jesu Seligpreisungen möchten deshalb Zuspruch und Wegweisung für uns werden.
Amen
Pfr. i.R. Gerhard Köhnlein

Das Evangelium und zugleich Predigtwort für den Sonntag am 25. Oktober steht bei Markus im 10. Kapitel:
„Und es traten Pharisäer zu ihm und fragten ihn,
ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau,
und versuchten ihn damit.
Er antwortete aber und sprach:
Was hat euch Mose geboten?
Sie sprachen: Mose hat zugelassen,
einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.
Jesus aber sprach zu ihnen:
Um eures Herzens Härtigkeit willen hat er euch dies Gebot geschrieben; aber von Anbeginn der Schöpfung hat Gott sie geschaffen als Mann und Weib.
Darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird seinem Weibe anhangen und werden die zwei ein Fleisch sein.
So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.
Was denn Gott zusammengefügt hat,
soll der Mensch nicht scheiden.“
Liebe Gemeinde,
Eine heikle Frage
Pharisäer, also fromme gottesfürchtige Menschen,
kommen zu Jesus.
Sie wollen ihn versuchen.
Sie wollen ihn auf das Glatteis führen.
Sie stellen eine heikle Frage in der Hoffnung,
dass Jesus so antwortet,
dass er beim Volk unten durch ist.
Die heikle Frage ist:
„Darf sich ein Mann von seiner Frau scheiden lassen?“
Ich finde diese Frage auch heikel.
Was soll ich Ihnen in der Predigt darüber sagen?
Darf man sich als frommer Mensch von seinen Ehegatten scheiden lassen?
Verspricht man sich nicht die Treue,
bis dass der Tod uns scheidet?
Geht es im christlichen Glauben nicht um Liebe,
um Vergebung, um ein den andern Aushalten?
Aber was ist, wenn ich in der engsten Beziehung,
die ich als Mensch habe,
in der lebenslangen Beziehung zwischen Mann und Frau,
gescheitert bin?
Brauche ich dann nicht Verständnis und Beistand?
Was helfen mir dann die Worte von lebenslanger Treue?
Einige in meinem Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis haben sich in den letzten Jahren getrennt.
Alle, die ich kenne, haben darunter gelitten.
Ich wusste nicht, wie ich ihnen helfen kann.
Ich war eher sprachlos.
Und nun darf ich troz dieser Sprachlosigkeit ihnen eine Predigt zu diesem Thema halten
Möge Gott die richtigen Worte schenken!
Aber es geht ja nicht um meine Gedanken.
Es geht darum, dass wir gemeinsam darauf hören,
was Jesus uns zu diesem Thema sagt.
Jesus antwortet zunächst mit einer Gegenfrage:
„Was hat euch Mose geboten?“
Was steht im Gesetz Gottes?
Was steht in der Bibel?
Die Pharisäer antworten mit einer Stelle
aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 24.
Hier wird eine Art der Scheidung beschrieben,
die uns heute eher schockiert.
Wenn der Mann etwas Schändliches an seiner Frau findet,
was auch immer das bedeutet,
dann kann er ihr einen Scheidebrief geben
und sie fortschicken.
So einfach ist das.
Was für eine Männerwelt!
Der einzige Schutz für die Frau war dieser Scheidebrief,
mit der es ihr möglich war,
neu anzufangen und erneut zu heiraten.
Diese Art der Scheidung lehnt Jesus ab.
Das ist nicht der Wille Gottes.
Jesus sagt: Das hat Mose geboten „um eures Herzens Härtigkeit willen“,
um wenigstens etwas Ordnung und etwas Schutz für die Frau in eine Männerwelt zu bringen.
Das Geschenk der Ehe
Jesus zitiert eine andere Stelle aus der Bibel.
Er redet über den Schöpfungsbericht.
Er will deutlich machen,
was Gott sich von Anbeginn der Welt dabei gedacht hat,
als er Mann und Frau füreinander geschaffen hat.
Ich glaube nicht,
dass er damit die Geschiedenen verurteilen will.
Ganz und gar nicht.
Ich glaube, dass Jesus sowohl den Verheirateten,
als auch den Geschiedenen,
als auch den Unverheirateten
eine Vision vermitteln will.
Einen Vision für eine gelingende Beziehung zwischen Mann und Frau
Eine Vision davon,
welches Geschenk Gott mit der Ehe geschaffen hat.
Mich beeindruckt tief, wenn ich Ehepaare erlebe,
die seit 40, 50, 60 Jahren verheiratet sind
und denen man immer noch abspürt,
dass sie sich gegenseitig lieben.
Die z.B. Händchen haltend auch noch im zarten Alter von 70 Jahren miteinander durch den Park spazieren gehen.
Die sich höflich und mit Wertschätzung begegnen.
Die sich in ihrer Unterschiedlichkeit angenommen haben.
Für mich ist das eins der beeindruckendsten und schönsten Zeichen von Liebe.
Wenn man so lange miteinander lebt,
hat man die Schwächen des anderen kennen gelernt.
Der andere ist nicht mehr nur der tolle Hecht oder die hübsche Prinzessin.
Man hat die dunklen Seiten des anderen erlebt.
Man ist sich manchmal zur Last geworden.
Wenn dann die Liebe füreinander trotzdem bestehen bleibt,
dann ist das für mich nicht in erster Linie eine menschliche Leistung.
Sicher gibt es einige Regeln, die helfen,
dass eine Beziehung gelingt:
· Immer wieder das Gespräch suchen.
· Auch Problematisches ansprechen.
· Sich überlegen, wie man seinem Partner Liebe schenken kann,
in der Liebessprache, die er oder sie versteht.
Aber trotz all dieses Tuns, all dieser Arbeit der Liebe,
ist für mich eine dauerhafte Liebe Gnade Gottes.
Ich bin meiner Frau und Gott zutiefst dankbar,
dass sie es seit 24 Jahren mit mir aushält.
Ich glaube, Jesus will uns Mut machen.
· Auch wenn wir in manchen Beziehungen schon gescheitert sind.
· Auch wenn es momentan mit unserem Lebenspartner nicht so toll läuft.
· Auch wenn alles gerade soooo schwierig ist.
Jesus will trotz all dem Mut machen,
sich so tief auf einen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen einzulassen,
dass man zu einer Einheit wird.
Das man eine eigenständige Person bleibt,
aber gleichzeitig eins wird mit jemand anderem.
Jede Scheidung wird dann natürlich schmerzhaft,
weil sie das, was eins geworden ist, zerreißt.
Daher ist Scheidung nicht der Plan Gottes mit uns.
Als Empfangende leben
Die Jünger reagieren in der Parallelstelle in Matthäus 19
auf die tollen Worte Jesu vom Einssein in der Ehe und auf seine klaren Worte zum Ehebruch mit der Feststellung:
„Steht die Sache eines Mannes mit seiner Frau so,
dann ist`s nicht gut, ehelich zu werden.“
Sind Jesu Worte eine fromme Illusion?
Verschließen wir damit die Augen vor der Realität,
dass fast jede 2. Ehe in unserem Land geschieden wird?
Ich denke, wir kommen hier an den Kern der christlichen Botschaft.
Gottes Maßstäbe zur Ehe ist nur ein Beispiel unter vielen.
Überall in unserem Leben erleben wir die gleiche Spannung:
Die Gesetze Gottes zeigen uns, wie ein Leben gelingt.
Wir wissen eigentlich: Ja, das ist gut.
Aber doch scheitert jeder von uns auf ganz unterschiedlichen Gebieten immer wieder daran.
Wie gehen wir mit dieser Spannung um,
dass wir um das Gute wissen
und es eigentlich gerne tun würden
und es doch so oft nicht schaffen?
Was macht Jesus?
Er macht nicht die Norm kleiner,
so dass wir es leichter schaffen können.
Nein, in der Bergpredigt spitzt er alles noch mehr zu:
„Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren,
der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen
in seinem Herzen.“
Dann sind warscheinlich alle Männer Ehebrecher.
Jesus ist nicht gekommen,
um Gottes Maßstab auf einen machbaren Wert zu drücken.
Jesus sagt von sich,
dass er für die gekommen ist, die Hilfe brauchen,
und nicht für die, die keiner Hilfe bedürfen.
Ich brauche Hilfe.
Ich brauche Hilfe in meiner Ehe.
Ich brauche Hilfe in meinem Leben.
Ich kann die Maßstäbe Gottes nicht aus eigener Kraft erfüllen.
Aber gerade für solche Leute ist Jesus gekommen.
Ich darf zu ihm kommen, so wie ich bin.
Er vergibt mir.
Er schenkt mir seine Liebe.
Er gibt mir den Mut zu einem neuen Anfang.
Er steht mir bei, wenn ich wieder an meinen Grenzen bin.
Manchmal gibt er mir die Kraft,
dass ich nicht wieder das Falsche tue.
Manchmal hilft er mir umzukehren,
nachdem ich das Falsche wieder getan habe.
Ich bin jemand der Gottes Hilfe bedarf.
Dieses Eingeständnis fällt mir nicht immer leicht.
Ich wäre so gerne sündlos und perfekt.
Aber gerade in diesem Eingeständnis bin ich in tiefster Weise Gott in all seiner Liebe begegnet.
Jesus ist gekommen für Menschen, die Hilfe brauchen.
Brauchen Sie die Hilfe Jesu Christi?
„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Amen.
Dr. Reinhard Prechtel


