
von Dr. Reinhard Prechtel
Die WM in Südafrika ist schon wieder Geschichte. Eine Diskussion vor dieser WM war, dass unser Teamchef Klose und Podolski in das Team gewählt hat. Sie hatten beide eine schlechte Saison gespielt, sie waren nicht so gut wie andere, sie hatten es nicht verdient unter den besten Elf zu sein. Aber der Teamchef hat sie erwählt. Er hat ihnen vertraut. Gegen alle Kritik hat er diese Erwählung durchgehalten.
War das ungerecht? Geht es im Fußball nicht nur um Leistung? Ganz knallhart: heute gefeiert, morgen gefeuert?
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von Pfarrer i. R. G. Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Sommer, Urlaub und Ferien – wenn in der kommenden Woche endlich auch die Schulkinder in Bayern die Schultaschen in die Ecke verfrachten dürfen, beginnt für viele eine der schönsten Zeiten des Jahres. Die beruflichen und sonstigen alltäglichen Pflichten treten in den Hintergrund. So sind die kommenden Wochen mit einer Menge von positiven Erwartungen und Hoffnungen verbunden: Zeit haben für sich und die Familie, ausspannen, neue Impulse auf einer Reise empfangen, und schließlich wieder Kräfte sammeln für die Zeit danach. Freilich wissen wir aus eigener Erfahrung, wie wenig selbstverständlich es ist, dass diese Erwartungen und Hoffnungen auch in Erfüllung gehen
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von Pfarrer i. R. G. Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Träumen Sie auch manchmal von einer Welt, in der es keine Mauern und Grenzen mehr gibt, durch die wir Menschen uns voneinander abgrenzen? Vor 14 Tagen sind meine Frau und ich von einer Reise nach Rumänien zurückgekommen. Wir haben viele schöne und auch nachdenklich machende Eindrücke mitgebracht. Bevor man nach Rumänien kommt, muss man Österreich und Ungarn durchqueren. Früher gab es da den sogenannten Eisernen Vorhang, der sich mitten durch Europa zog. Doch welch ein Wunder! An die Grenzen von früher erinnern nur noch verfallende Grenzabfertigungsgebäude. Unser Bus konnte einfach durchfahren.
Dennoch: Unsere Welt ist nach wie vor von Mauern und Grenzen durchzogen. Die Gründe dafür sind vielfältiger Art. Man meint, sich so voreinander schützen zu können und zu müssen. Das reiche Europa schottet sich mit Hilfe einer auf offener See operierenden Polizeiflotte ab gegenüber Flüchtlingen und Asylsuchenden aus den Krisengebieten unserer Erde. Während bei uns die Mauer quer durch Berlin verschwunden ist, lassen Angst und Hass zwischen Israel und Palästinensern neue Mauern wachsen. Abgrenzung voneinander ist eine allgegenwärtige Tatsache in unserer Welt.
Leider gilt das auch für die Kirchen. Zwar gibt es – wenigstens in Deutschland – seit etlichen Jahrzehnten Fortschritte auf dem Weg zueinander, aber immer noch dürfen katholische und evangelische Christen das Abendmahl nicht miteinander feiern. Dass das heute zunehmend als Ärgernis empfunden wird, macht deutlich, dass sich hier in der Praxis etwas ändern muss. Doch wie können wir mit tatsächlich bestehenden Unterschieden umgehen, ohne oberflächlich zu werden oder uns ängstlich voneinander abgrenzen zu müssen? Kann uns der Glaube an Jesus Christus den Weg zeigen, der uns weiterführt?
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Predigt von Pfarrer i. R. G. Köhnlein
Sonntag Okuli 2010, 7. März
Liebe Gemeinde!
„Meine Augen sehen stets auf den Herrn“ bekennt der Beter des 25. Psalms, und ich frage mich: Können wir das auch von uns sagen? Woran richten wir unser Leben aus? Und wann halten wir Ausschau nach Gott? Ich vermute, dass es da ein Verhaltensmuster gibt, das auf viele - auch unter uns - zutrifft:
Wenn alles in unserem Leben so läuft, wie es unseren Vorstellungen entspricht, dann neigen wir dazu, dies für selbstverständlich zu nehmen. Gott spielt dabei eher am Rande eine Rolle.
Freilich braucht es nicht viel, dass diese Selbstverständlichkeit erschüttert wird: Ein Unfall, eine Krankheit – und plötzlich ist nichts mehr so wie zuvor. Gott-sei-Dank sagen wir, wenn wir nochmal davon gekommen sind, und wir bitten ihn im Bewusstsein der Gefährdung unseres Lebens um Bewahrung und Hilfe für uns und unsere Lieben. Ja, einen Gott, der behütet und Wunden heilt, brauchen wir. Auf ihn zu schauen, bindet Ängste und lässt aufatmen.
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von Pfarrer i. R. G. Köhnlein
1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2010
Liebe Gemeinde!
Nun hat uns also der Alltag wieder. Das Fest ist vorüber. Die Kerzen am Christbaum sind heruntergebrannt, die festlichen Klänge der Weihnachtskonzerte sind verhallt. Die Weihnachtsferien und die freien Tage zwischen den Feiertagen sind Vergangenheit. An die Stelle des Lobgesangs der Engel an Weihnachten tritt allmählich wieder das alte Lied, in dem es um die Friedlosigkeit in unserer Welt und um unsere persönlichen Ängste und Sorgen geht. Wir kehren zurück zur Normalität. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass nach der Ordnung des Kirchenjahrs noch bis Ende Januar Weihnachts- und Epiphaniaszeit ist. Doch was heißt „Normalität“ für uns, die wir Weihnachten gefeiert haben, die wir die Botschaft gehört haben, dass Gott für uns Mensch geworden ist, um uns und unsere Welt zu retten? Können, dürfen wir wirklich so tun, als sei alles, wie es immer war
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am 4. Adventssonntag 2009
von Pfarrer i.R. Gerhard Köhnlein
Liebe Gemeinde!
Unter der Überschrift „Weihnachten am besten abschaffen?“ konnte man am vergangenen Wochenende in den Nürnberger Nachrichten lesen: „Viele Deutsche bekommen beim Gedanken an das Weihnachtsfest ziemlich gemischte Gefühle. Sie sehen sich unter Druck und fürchten sich vor Streit, ergab eine repräsentative Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg. Fast jeder Fünfte (18,6 Prozent) würde Weihnachten am liebsten abschaffen. Jeder Vierte gibt an, die Feiertage setzten ihn massiv unter Druck, da man sich um so viel kümmern müsse. Bei den Frauen sind dies sogar 29,4 Prozent (Männer 19,2). 22,8 Prozent empfinden das Fest als äußerst stressig. Jeder Sechste gibt zu, dass dann zu Hause meist dicke Luft herrscht.“
So weit die Pressemeldung. Darüber, was von solchen Umfrageergebnissen zu halten ist, kann man geteilter Meinung sein. Immerhin machen sie deutlich, dass das frohe Weihnachtsfest, das wir uns in diesen Tagen unzählige Male wünschen, oft mehr Ausdruck einer Sehnsucht als eine wirkliche Erfahrung ist. Jedenfalls gibt es eine Menge Dinge, die uns die Freude an Weihnachten gründlich verderben können. Oder geht die Weihnachtsfreude womöglich deshalb so oft verloren, weil der eigentliche Grund des Festes trotz all der Lichterketten, der Geschenkeberge und der Gourmet-Festessen in Vergessenheit zu geraten droht? Da ist es wichtig, dass wir uns immer wieder, besonders aber in diesen Tagen vor Weihnachten, daran erinnern lassen, dass wir als Christen Anlass zur Freude haben, zu einer Freude, die aus dem Herzen kommt und die unser ganzes Leben durchdringen will. So hören wir, was der Apostel Paulus vor fast 2000 Jahren der Gemeinde in Philippi schreibt:
„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte laßt kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Phil 4,4-7)
Als Paulus diese Worte schreibt, sitzt er im Gefängnis in Ephesus, ist also in einer gewiss nicht sehr erfreulichen Situation. Wie es mit ihm weitergehen wird, ist ungewiss. Die Gemeinde in Philippi in Mazedonien, zu der Paulus ein besonders herzliches Verhältnis hat, hatte ihm Gaben zukommen lassen. Nun will er sich dort bedanken. Doch der Dank für die Gaben steht erst ganz am Schluss des Briefes. Im Mittelpunkt seines Briefes aber steht der Dank für das, was Christus für ihn und für die Gemeinde ist. Immer wieder kommt Paulus auf die Freude zu sprechen, die ihren Grund im Glauben an Jesus Christus hat. Er weiß, dass er sich dabei wiederholt. Dennoch ruft er es den Christen in Philippi – und mit ihnen wohl auch uns – zu:
„Freuet euch in dem Herrn allewege! Und abermals sage ich: Freuet euch!“
Sich immer freuen - geht das denn? Ja, wir kennen Augenblicke des Glücks, da strahlt uns die Freude aus allen Knopflöchern. Da muss uns auch niemand besonders dazu auffordern: „Nun freu dich doch endlich!“ Leider vergehen solche Augenblicke meist sehr schnell, wenn unsere Glücksgefühle konfrontiert werden mit Dingen, die uns das Lachen vergehen lassen. Dafür braucht es gar nicht erst schwerer Krankheit oder plötzlichen Unglücks. Die alltäglichen Sorgen genügen, welchen Anlass sie auch immer haben mögen: in der Partnerschaft, in der Familie oder im Beruf, ob es sich um persönliche Sorgen oder um Sorgen um politische und gesellschaftliche Entwicklungen handelt. Sich Sorgen zu machen, liegt uns im allgemeinen näher, als dass wir uns freuen an dem, was wir haben!
Das weiß auch Paulus. Dennoch ermahnt er uns zur Freude, die allewege, also immer und überall unser Leben bestimmen soll. Und er nennt auch den Grund dafür: „Der Herr ist nahe.“ Wie wohl die meisten Christen seiner Zeit dachte Paulus hierbei an die für die nahe Zukunft erwartete Wiederkunft Christi. Diese Erwartung hat sich ja so nicht erfüllt. Dennoch gilt dieses> seit Weihnachten für alle Zeiten, also auch für uns. Denn das ist ja das Wunder, das sich in der Geburt des Christuskindes im elenden Stall von Bethlehem ereignet: Gott will uns ganz nahe kommen. Er will nicht irgendwo über dieser Welt thronen, sondern er will bei uns sein. Deshalb gibt er sich hinein in unsere menschliche Existenz. Er teilt mit uns das Leben mit seinen Freuden, aber auch mit den Begrenzungen und Nöten. Um Ängste und Leid, unter denen wir so oft leiden, macht er keinen Bogen. In grenzenloser Liebe wird er solidarisch mit uns, und zwar nicht nur mit den Frommen und Tüchtigen, sondern auch mit denen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Dass das so ist, erzählt schon die Weihnachtsgeschichte selbst: Die Ersten, die die Botschaft hören, dass Gott nahe ist, sind die Hirten, also Menschen, die nichts oder nicht viel zu erwarten hatten vom Leben. Später, als aus dem Kind in der Krippe der Prediger Jesus von Nazareth geworden war, sind es die Kranken, die er heilte. Aber auch die, die schuldig geworden waren, erfuhren es hautnah:> Ohne Bedingungen zu stellen, rief Jesus sie zu sich. Er setzte sich an einen Tisch mit ihnen und sie wussten, dass sie nicht von Gott verlassen waren.
Wir kennen diese Geschichten. Doch ist die Botschaft „Der Herr ist nahe“ auch für uns Grund zur Freude? Oder haben wir uns so an sie gewöhnt, als sei sie das Selbstverständlichste auf der Welt? Wissen wir es noch, wovon das Kirchenlied singt: „Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert; das zähl ich zu dem Wunderbaren, mein stolzes Herz hat's nie begehrt. Nun weiß ich das und bin erfreut und rühme die Barmherzigkeit.“?
Ich meine, wir haben es alle schon erlebt, wie wenig selbstverständlich es ist, wenn wir Sorgen und Lasten, die uns niederdrücken, im Vertrauen auf eine gute Zukunft loslassen konnten. Aufatmen, wieder aufbrechen aus Müdigkeit und Resignation, neu anfangen dürfen, wenn man gescheitert ist, wenn man versagt hat oder schuldig geworden ist, welch ein Geschenk der Gnade Gottes ist das, Zeichen der Nähe Gottes in unserem Leben! Weil der Herr nahe ist, weil er bei mir sein will und mich begleitet, darum habe ich Grund zu immer neuer Freude! Wie seltsam, dass wir das so oft in unserem Alltag vergessen und immer wieder ermahnt werden müssen: „Freut euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich: Freut euch!“.
Freilich, wenn uns diese Freude erfüllt, dann können und dürfen wir sie nicht für uns selbst behalten. Darum fährt Paulus in seiner Ermahnung fort:
„Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!“
In der Art, wie wir leben, wie wir einander und anderen begegnen, soll etwas davon spürbar werden, dass der Herr nahe ist. Freude ist ansteckend, sagen wir, und so soll es auch sein. Das ist ja auch der Sinn der Geschenke an Weihnachten. Ich weiß, dass es manchmal schwer sein kann, ein Geschenk für jemanden zu finden, der schon alles hat. Das Besondere eines Geschenkes liegt aber meist nicht zuerst in seinem materiellen Wert, sondern darin, dass ich mich intensiv mit dem anderen beschäftige, um zu entdecken, was ihm oder ihr Freude machen könnte. Da ist Fantasie gefragt, und oftmals sind es eher die Gesten, mit denen wir uns jemandem zuwenden, als die Sachen, die wir verschenken, die Freude machen. Ich denke dabei an Zeit, die wir teilen, einen Besuch, den wir machen, wenn wir dem anderen zuhören, ihn begleiten und so Nähe vermitteln.
Die Güte anderen kund sein lassen, hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass wir teilen, was wir haben. Glücklicherweise gibt es ja seriöse Organisationen, die mit unseren Spendengeldern anderen Freude bereiten und Hilfe zum Leben geben – und das nicht nur an Weihnachten.
An dieser Stelle muss ich mich jedoch selbst unterbrechen. Fragen steigen in mir auf, die ich nicht einfach zur Seite schieben kann. Es ist sicher schön und gut, wenn wir versuchen, Nöte in der Welt zu lindern und anderen eine Freude zu machen. Aber was ändern unsere gut gemeinten Spenden schon an den Verhältnissen in unserer Welt? Tatsache ist, dass die Armut in unserer Welt ständig zunimmt - auch in unserem so reichen Land. Verantwortungslos werden in ihrer Größenordnung kaum noch zu benennende Milliarden von Geldern und Werten vernichtet, und solange auch nur kurzfristige Gewinne zu machen sind, riskiert man das Umkippen unseres Weltklimas und weiteres Elend von vielen Millionen von Menschen. Was bedeutet da die Botschaft „Der Herr ist nahe“? Viel scheint davon nicht zu spüren zu sein. Kein Wunder, dass da kaum noch etwas übrig bleibt von der Freude im Herrn. Machen wir uns vielleicht nur etwas vor, wenn wir versuchen, an Weihnachten für ein paar Tage heile Welt zu spielen, und das oft genug noch mit zweifelhaftem Erfolg?
Ich meine, dass wir mit diesen Fragen an dem Punkt angekommen sind, an dem wir noch einmal darüber nachdenken müssen, was dieser Satz „Der Herr ist nahe“ noch bedeutet. Er weist nämlich nicht nur zurück auf das, was mit Weihnachten und dem Kommen Jesu Christi in unsere Welt begonnen hat. Er weist auch in die Zukunft. Mit anderen Worten: Die Nähe Gottes, die in Jesus erfahrbar, ist erst der Anfang eines Geschehens, dessen Vollendung noch aussteht. Noch kann man so tun, als sei die Botschaft von dem nahen Gott die irre Hoffnung einiger überdrehter Träumer, die sich mit den Gegebenheiten unserer Welt nicht abfinden können. Doch Jesus selbst bleibt der Bürge dafür, dass Gott nahe ist. Sein Weg endet nicht im Tod am Kreuz. Ein uralter Hymnus, den Paulus in diesem gleichen Brief an die Gemeinde in Philippi zitiert, formuliert das so:
„Jesus war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“
Gott wird sein gutes Werk vollenden. Darüber müssen wir uns keine Sorgen machen. Wenn wir darauf vertrauen, werden die Nöte unserer Welt und unseres Lebens nicht einfach verschwunden sein. Ja, wir tragen Verantwortung dafür, dass wir und die Mächtigen Wege zum Frieden, zur Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung suchen und gehen. Doch der Apostel Paulus gibt uns auch einen Rat, wie wir in der Freude über den Gott, der uns schon nahe gekommen ist und dessen Kommen wir erwarten, leben können:
„Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden.“
Auch hier könnte man wieder sagen: Das ist leichter gesagt als getan. Diese Ermahnung des Apostels Paulus will uns jedoch nicht unter Druck setzen. Sie ist vielmehr eine Einladung, mit dem nahen Herrn in unserem Leben zu rechnen. Es geht darum, dass wir loslassen dürfen, was uns unfrei macht. Das bedeutet auch, dass wir uns bei allen Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest nicht unter Druck setzen lassen. Auch und gerade wenn nicht alles perfekt ist, wird möglicherweise wieder Platz für die Begegnung mit dem Kind in der Krippe und damit Anlass zur tiefen Freude, dass der Herr uns nahe ist.
Amen

Predigt über Psalm 126,5 zum Verstorbenengedenken 2009
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
Pfr. Walter Lupp
Liebe Gemeinde, in der Trauer wird man empfindlich gegen fromme Sprüche, überhaupt gegen Allgemeinplätze. Sie mögen noch so sehr stimmen, in dieser Situation, nachdem man einen lieben Menschen verloren hat und um ihn trauert, wirken sie einfach völlig daneben. Natürlich heilt die Zeit Wunden, das wissen wir, aber als Trost taugt dieser Satz nicht. Natürlich muss das Leben weitergehen, aber in der Trauer ist einem nicht danach zumute. Nun also ein Wort aus den Psalmen, ein sehr bekanntes, bestimmt auch wahres Wort, es steht auf manchem Grabstein, ziert Post- und Kondolenzkarten. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Auf den ersten Blick auch so eine allgemeine Floskel. Sie wird nicht besser dadurch, dass sie in der Bibel steht. Vielleicht lohnt es sich, dort einmal genauer hinzuschauen. Der Satz steht im 126 Psalm, dort steht auch eine Überschrift drüber: Der Herr erlöst seine Gefangenen. Es geht um die babylonische Gefangenschaft. Ich helfe ein wenig der Erinnerung nach. 597 vor Christus belagert der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem, nimmt die Stadt ein, erobert sie also, zerstört den Tempel und führt den übrig gebliebenen Teil der Bevölkerung, vor allem den Adel und die Beamten nach Babylon, dem heutigen Irak. Das ganze alte Testament und auch die Auseinandersetzungen Jesu speisen sich aus diesem Ereignis. Es war der totale Einschnitt im Leben des Volkes Israel. Hier hat sich noch einmal sein Glaube entschieden, nämlich an der Frage, warum ist das passiert, warum sitzen wir jetzt hier in Babylon, fern der Heimat, als verspottete und unterdrückte Minderheit. Warum? Die gleichen Warum-Fragen, die auch Trauernde umtreiben. Warum ist das geschehen, warum ist er, ist sie gestorben, warum so und warum jetzt? Ein einziges Grübeln und Stochern in trüben Gedanken. Für Israel war die Antwort schnell klar: Das Volk hat dem Gebot Gottes nicht gehorcht, ist fremden Göttern gefolgt, hat den Bund zwischen Gott und Israel nicht eingehalten. Wenn es denn je wieder ein Israel geben sollte, und das ist unter den Persern dann auch möglich gewesen, ein paar hundert Jahre später, dann wird das Volk die Gebote Gottes genauestens einhalten.
Schauen wir auf die Warum-Fragen in der Trauer, wird die Antwort nicht so leicht gefunden werden. Die Warum-Fragen bleiben letztlich offen. Es mag genügend Gründe geben, die sich aus dem Ablauf des Lebens erklären, Menschen werden alt und sterben, Menschen werden krank und sterben, Menschen rasen auf der Straße und nehmen damit einem anderen das Leben, mancher ist so verbittert und deprimiert, dass er keinen Ausweg mehr sieht und sich selber das Leben nimmt. Da mag Gott irgendwie eine Rolle spielen, aber erst einmal sind es menschliche Erfahrungen, die einfach dazugehören. Aber schon die Frage warum es meinen Mann, meine Frau, oder gar mein Kind getroffen hat, und warum hat er oder sie leiden müssen, Qualen und Schmerzen, und warum jetzt und vor allem auch: wo ist bei alledem Gott gewesen? Ganz schwierige Fragen.
Mir, liebe Gemeinde, hilft da ein betender Blick in die Psalmen, den Psalm 126 zum Beispiel, der mit dem schönen Satz anfängt: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden, dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Großartige, glaubensgewisse Sätze die aber sofort in die Klage münden: Herr, bringe zurück unsere Gefangenen. Das macht mir die Psalmen als Gebete so wertvoll, dass Unaussprechliches nah beieinander steht: Lob und Klage, Rühmen und Weinen. Nagender Zweifel und triumphierende Glaubensgewissheit. In den Psalmen wird auf ganz unterschiedliche Weise sehr nüchtern die Realität des Lebens gesehen, auch die von Krankheit und Tod, von Trauer und Niedergeschlagenheit, hier die schier ausweglose Realität des gefangenen Volkes. Was das in der Antike bedeutet hat, musste man niemandem erklären, die Völker sind nicht zimperlich miteinander umgegangen. Trotzdem wird Gott gerühmt, gelobt und gepriesen aber eben gleichzeitig angefleht. Gott wird, das beten die Psalmen auf ganz typische Weise, Gott wird auf sein Versprechen, auf die schon bisher erfolgten Taten angesprochen. Du warst doch in meinem Leben dabei, hast es begleitet, du kennst mich, meine Not, meinen Kummer. Lass dich daraufhin ansprechen. Ganz menschlich, beinahe wie unter Händlern, wird da mit Gott gesprochen. In Psalm 126 wird Gott auf die Natur hin angesprochen. Bringe zurück unsere Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. Du kannst es ja, du hast es ja bewiesen, wer genau hinschaut sieht das Wirken Gottes in dieser Welt. Nur in meiner Not, in meiner Trauer kann ich es nur schwer erkennen, vielleicht will ich es einfach nicht erkennen – zu tief sitzt der Schmerz über den Verlust eines lieben Menschen und damit doch auch darüber, was Gott mir angetan hat. Der Psalm endet mit einem eingestreuten Lied. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. Mehr ist jetzt nicht möglich. Ein vorgegebener Liedtext, weil die eigenen Worte nicht mehr reichen, weil das Leiden die Menschen eigentlich verstummen lässt, aber das Lied kann noch eingestreut, leise gemurmelt werden. Irgendwo tief im Untergrund, als ein Rest von Gottesglaube und einst erlebter Zuversicht. Das bringt der Psalm jetzt ins Spiel. Mehr nicht. Zu mehr reicht es nicht mehr. Wer kann schon das Leiden verstehen, es deuten, selber sich einen Reim machen. Die Trauer hat müde gemacht, es reicht nicht mehr für große Gedanken. Aber ein Lied, ein in Kinderzeit auswendig gelernter Satz. „Der Herr ist mein Hirte“, vielleicht, oder ähnlich einfache Sätze, die jetzt aus einer längst versunkenen Zeit wieder nach oben geschwemmt werden. In halber Hoffnung nur ausgesprochen. Gott, wenn du da bist, wenn stimmt, was wir damals von dir sagten, wenn wahr ist, was wir geglaubt haben, wenn die Hinweise stimmen, die auf dich weisen im Leben, in der Natur, in der Geschichte, dann, ja dann lass es jetzt in meiner Dunkelheit ein wenig hell werden, dann trockne die Tränen und hebe meinen gesenkten Kopf. Dann, Gott, ja dann lass wahr werden, was ein altes Lied vor sich hinsingt: Die mit Tränen säen, werden mit Freude ernten. Amen

Predigt zu Matth 5,2-10
(Reformationsfest 2009, 1.11.2009, in Emmaus)
Liebe Gemeinde!
„Was kommt da noch alles auf uns zu?“ so fragt sich mancher, der die Krisenmeldungen ernst nimmt, die da jeden Tag auf uns einströmen. Bankencrash, Weltwirtschaftskrise, Staatsschulden in kaum vorstellbarer Größenordnung, der drohende Verlust des Arbeitsplatzes wie jetzt bei Quelle, weiter wachsender Hunger in der Welt, dazu die fortschreitende Zerstörung unserer Umwelt in Verbindung mit der sich abzeichnenden Klimakatastrophe – es kann einem Angst und Bange werden. Natürlich: Den Kopf in den Sand zu stecken oder die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun – in der Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm werden wird -, ist keine zukunftsweisende Lösung. Was wir brauchen, ist der mutige Blick nach vorn und eine mutmachende Vision davon, wie unsere Welt morgen aussehen könnte, dass man gerne in ihr lebt. Immer wenn wie in diesen Tagen eine Regierung neu ihre Arbeit aufnimmt, erwarten wir, dass sie sagt, welche Hoffnungsziele sie hat und wie sie den Weg dorthin gehen will. In einer Regierungerklärung wird sie darüber Auskunft geben. Freilich, nach einer angemessenen Spanne Zeit wird sie sich daran auch messen lassen müssen, ob und wie weit sie ihre Ziele erreicht hat.
Mit einer Regierungserklärung besonderer Art haben wir es heute auch in diesem Gottesdienst zum Reformationsfest zu tun. Es geht um die Regierungserklärung Jesu, und es handelt sich um die Bergpredigt Jesu. Jesus hatte ja diese Vision von der heilsamen Zukunft, wenn er vom Reich Gottes, von der Königsherrschaft Gottes sprach. „Tut Buße, kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.“ Das war seine Predigt, und was er damit meinte, wurde in seinem Reden und Handeln erkennbar. In der Bergpredigt entfaltet er, welche Werte und Maßstäbe im Reich Gottes gelten sollten. Und er beginnt gleich mit einem Paukenschlag, mit den sogenannten Seligpreisungen:
<Matth 5,2-10>
Für viele von uns sind das vertraute Worte. Wir spüren darin Wärme, sie wirken tröstend. Doch wie fremd sind sie uns dann doch auch wieder! Das beginnt schon mit diesem „Selig sind...“ Im Englischunterricht haben wir geschmunzelt, als wir lernten, dass das Wörtchen „silly“ im Englischen mit dem deutschen Wort „selig“ verwandt ist. „Na denkt an den Gesichtsausdruck der Heiligen in den Kirchen, wie die oft dreinschauen, eben „silly“, etwas einfältig“ erklärte unser Lehrer. Wenn wir von jemandem sagen, er sei selig, dann meinen wir: Er ist glücklich, aber eben ein wenig neben der Wirklichkeit. So steht denn im griechischen Urtext hier auch „makarios“ und das heißt „glücklich“.Die „Gute- Nachricht-Übersetzung gibt das mit „Freuen dürfen sich alle, die..“ wieder.
Freilich, damit wird uns das, was hier gesagt wird, erst recht fremd. Es ist doch seltsam, wer hier glücklich gepriesen wird und wer sich freuen soll:
- Die geistlich arm sind? Möchten wir nicht lieber reiche Erfahrungen im Glauben machen und vorweisen können?
- Die Leid tragen? Wer möchte Trauernden am Friedhof schon sagen, dass sie sich über ihre Trauer freuen sollen?
- Die Sanftmütigen? „Gib bloß nicht immer nach!“ sagen wir schon unseren Kindern.
- Die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit? Muss ich denn ein schlechtes Gewissen haben, wenn es mir gut geht, obwohl es soviel Unrecht um mich herum gibt?
- Die Barmherzigen? Strafe muss doch sein. Wo kämen wir denn sonst hin, wenn niemand mehr für die Folgen seinen Tuns gerade stehen muss?
- Die reinen Herzens sind? Wer kann sich schon aus allem heraushalten?
- Die Friedfertigen? „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“
- Die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden? Muss man nicht auch Kompromisse mit den Verhältnissen und den Mächtigen eingehen?
Eines ist doch ganz sicher: Wir haben im allgemeinen ganz andere Vorstellungen und Maßstäbe für das Glück als die, die Jesus hier entfaltet. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn z.B.ein Kanzler der Bundesrepublik, der sich selbst als Realist bezeichnet, feststellen konnte: „Mit der Bergpredigt kann man die Welt nicht regieren.“ Mit dieser Meinung ist er nicht allein.
Angesichts solcher Einwände stellt sich dann aber die Frage: Was ist von diesen Glücksversprechungen in der Regierungserklärung Jesu zu halten? Müssen wir sie abhaken wie so manche Wahlversprechen der Parteien nach der Wahl? Oder handelt es sich hier um Vertröstungen an die zu kurz Gekommenen, die dann im Grunde freilich Vertröstungen auf ein Jenseits sind. An dieses Jenseits kann man glauben oder auch nicht. Für unser jetziges Leben und die gegenwärtige Wirklichkeit hätten sie dann keine Bedeutung.
Nun ist es mit dem Realismus, der nur gelten lässt, was sichtbar und unmittelbar nachprüfbar ist, so eine Sache. Schon die Erfahrung, die wir mit dem Horizont auf unserer Erde machen, weist uns darauf hin, dass wir immer nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit, die uns umgibt, wahrnehmen. Hinter dem Horizont liegen weitere Länder und Meere, und neue Horizonte tun sich auf, wenn wir uns aufmachen, das vor uns Liegende zu erforschen. Das ist wohl auch ein passendes Bild für die Erfahrung des Reiches Gottes. Für das, was geschieht, wenn wir mit dieser Wirklichkeit rechnen, hat jemand den Ausdruck geprägt: „einen Blick durch den Horizont werfen, durch den Horizont hindurchsehen.“ Da werden dann die Dinge um uns für einen Augenblick durchsichtig, und etwas Neues taucht auf, was die vordergründig sichtbare Welt übersteigt, transzendiert.
Der Blick durch den Horizont – manchmal wird er uns geschenkt. Eine Erfahrung dieser Art machte ich vor Jahren auf einer Israelreise. Unsere Gruppe stand auf dem Berg, der traditionell als Berg der Seligpreisungen bezeichnet wird. Der Blick ging über den See Genezareth und verlor sich langsam in der Ferne im Dunst. Jemand las die Worte der Seligpreisungen, und da war plötzlich der Gedanke in mir da: Wer sagt denn, dass in unserer Welt immer alles so bleiben muss, wie wir es kennen? Könnte es nicht auch eine Welt geben, in der Menschen aufatmen, in der sie sich frei entfalten, in der Gerechtigkeit wohnt? Für einen Augenblick stand es vor mir, das Bild vom Reich Gottes, das Jesus ausruft und in den Seligpreisungen entfaltet.
Ähnliches habe ich später nochmals erlebt. Im Frühjahr 1989 fuhr ich mit dem Zug zwischen Bebra und Göttingen entlang der Grenze zur DDR. Ich kannte diese Strecke von vielen Reisen ziemlich gut, darum achtete ich nicht besonders auf den Zaun und die Grenzanlagen. Da schoss mir der Gedanke durch den Kopf: „Wer sagt denn, dass hier immer eine Grenze sein muss?“ - ein verrückter Gedanke angesichts der Realität! Doch einige Monate später fuhr ich die gleiche Strecke: Da war der Zaun geöffnet, und die Wachtürme unbesetzt...
Die andere Welt Gottes – in solchen Augenblicken leuchtet sie auf. Genau das geschieht in den Seligpreisungen Jesu in der Bergpredigt. Es ist wie die Vision von einer neuen Welt, die in dem Augenblick, in der sie vor Augen steht, auch wirklich fassbar ist. Vielleicht hören wir unter diesem Gesichtspunkt die Seligpreisungen Jesu ganz neu. Lassen wir sie auf uns wirken, wenn ich sie nochmals nach der Die-gute-Nachricht-Übersetzung lese:
Wer sich freuen darf ...
„Freuen dürfen sich alle,
die nur noch von Gott etwas erwarten -
mit Gott werden sie leben in seiner neuen Welt.
Freuen dürfen sich alle,
die unter dieser heillosen Welt leiden -
Gott wird ihrem Leid für immer ein Ende machen.
Freuen dürfen sich alle,
die auf Gewalt verzichten -
Gott wird ihnen die Erde zum Besitz geben.
Freuen dürfen sich alle,
die danach hungern und dürsten,
daß sich auf der Erde Gottes gerechter Wille durchsetzt -
Gott wird ihren Hunger stillen.
Freuen dürfen sich alle,
die barmherzig sind -
Gott wird auch mit ihnen barmherzig sein.
Freuen dürfen sich alle,
die im Herzen rein sind -
sie werden Gott sehen.
Freuen dürfen sich alle,
die Frieden stiften -
Gott wird sie als seine Söhne und Töchter annehmen.
Freuen dürfen sich alle,
die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will -
mit Gott werden sie leben in seiner neuen Welt.“
Ist das alles nur eine Traumwelt? Manchem mag es so erscheinen. Natürlich besteht auch die Gefahr, sich in den Traum von einer anderen Welt zu flüchten und dabei die gegenwärtigen, alltäglichen Probleme zu verdrängen. So richtig funktionieren wird das freilich nicht. Denn die Wirklichkeit holt uns in der Regel schnell wieder ein. Doch wo es uns geschenkt wird, „durch den Horizont zu blicken“, will uns dies nicht einlullen, sondern aufwecken und unser Denken und Handeln anregen. Wir erkennen die Richtung, in die wir aufbrechen sollen. Jesus selbst hat es uns vorgelebt. Das Reich Gottes, dessen nahes Kommen er ankündigt, leuchtet auf, wenn er Kranke heilt, wenn er Menschen, die schuldig geworden sind, einen neuen Anfang schenkt, wenn er sich mit denen an einen Tisch setzt, die in ihrer Gesellschaft zu Außenseitern geworden sind. Deshalb kann er auch sagen: „Gottes neue Welt, sein Reich ist mitten unter euch.“ Das aber gilt auch für uns: Wenn wir Jesu Gegenwart im Gottesdienst feiern, wenn uns Gottes Liebe in der Taufe zugesprochen wird und wir im Abendmahl die Gemeinschaft mit ihm und miteinander erfahren, dann ist Gottes Reich schon unter uns da. D.h.: Wir beginnen schon heute nach den Maßstäben seines Reiches zu leben. Wir gestalten unsere Welt im Sinne der Seligpreisungen. Wir erwarten alles von Gott. Wir stehen auf gegen Leid und Unrecht. Wir leben Gewaltlosigkeit, werden zu Friedenstiftern und lassen Gottes Liebe in unserem Leben Gestalt gewinnen. Dazu gehört im übrigen auch das intensive Bemühen um die Einheit der Kirchen, um die Ökumene – nicht nur mit den Katholiken.
Ob das alles etwas verändert in unserer Welt? Zur Resignation haben wir keinen Grund. Der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti hat das so ausgedrückt:
„Wo kämen wir hin, wenn alle sagen würden: "Wo kämen wir hin?", und keiner würde gehen, um zu schauen, wo man hinkommen würde, wenn man ginge.“
Was es bringt, wenn wir uns von dem Blick durch den Horizont auf das Reich Gottes inspirieren lassen, kann man nicht theoretisch klären. Wir müssen es vielmehr ausprobieren. Jesu Seligpreisungen möchten deshalb Zuspruch und Wegweisung für uns werden.
Amen
Pfr. i.R. Gerhard Köhnlein

Das Evangelium und zugleich Predigtwort für den Sonntag am 25. Oktober steht bei Markus im 10. Kapitel:
„Und es traten Pharisäer zu ihm und fragten ihn,
ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau,
und versuchten ihn damit.
Er antwortete aber und sprach:
Was hat euch Mose geboten?
Sie sprachen: Mose hat zugelassen,
einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.
Jesus aber sprach zu ihnen:
Um eures Herzens Härtigkeit willen hat er euch dies Gebot geschrieben; aber von Anbeginn der Schöpfung hat Gott sie geschaffen als Mann und Weib.
Darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird seinem Weibe anhangen und werden die zwei ein Fleisch sein.
So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.
Was denn Gott zusammengefügt hat,
soll der Mensch nicht scheiden.“
Liebe Gemeinde,
Eine heikle Frage
Pharisäer, also fromme gottesfürchtige Menschen,
kommen zu Jesus.
Sie wollen ihn versuchen.
Sie wollen ihn auf das Glatteis führen.
Sie stellen eine heikle Frage in der Hoffnung,
dass Jesus so antwortet,
dass er beim Volk unten durch ist.
Die heikle Frage ist:
„Darf sich ein Mann von seiner Frau scheiden lassen?“
Ich finde diese Frage auch heikel.
Was soll ich Ihnen in der Predigt darüber sagen?
Darf man sich als frommer Mensch von seinen Ehegatten scheiden lassen?
Verspricht man sich nicht die Treue,
bis dass der Tod uns scheidet?
Geht es im christlichen Glauben nicht um Liebe,
um Vergebung, um ein den andern Aushalten?
Aber was ist, wenn ich in der engsten Beziehung,
die ich als Mensch habe,
in der lebenslangen Beziehung zwischen Mann und Frau,
gescheitert bin?
Brauche ich dann nicht Verständnis und Beistand?
Was helfen mir dann die Worte von lebenslanger Treue?
Einige in meinem Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis haben sich in den letzten Jahren getrennt.
Alle, die ich kenne, haben darunter gelitten.
Ich wusste nicht, wie ich ihnen helfen kann.
Ich war eher sprachlos.
Und nun darf ich troz dieser Sprachlosigkeit ihnen eine Predigt zu diesem Thema halten
Möge Gott die richtigen Worte schenken!
Aber es geht ja nicht um meine Gedanken.
Es geht darum, dass wir gemeinsam darauf hören,
was Jesus uns zu diesem Thema sagt.
Jesus antwortet zunächst mit einer Gegenfrage:
„Was hat euch Mose geboten?“
Was steht im Gesetz Gottes?
Was steht in der Bibel?
Die Pharisäer antworten mit einer Stelle
aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 24.
Hier wird eine Art der Scheidung beschrieben,
die uns heute eher schockiert.
Wenn der Mann etwas Schändliches an seiner Frau findet,
was auch immer das bedeutet,
dann kann er ihr einen Scheidebrief geben
und sie fortschicken.
So einfach ist das.
Was für eine Männerwelt!
Der einzige Schutz für die Frau war dieser Scheidebrief,
mit der es ihr möglich war,
neu anzufangen und erneut zu heiraten.
Diese Art der Scheidung lehnt Jesus ab.
Das ist nicht der Wille Gottes.
Jesus sagt: Das hat Mose geboten „um eures Herzens Härtigkeit willen“,
um wenigstens etwas Ordnung und etwas Schutz für die Frau in eine Männerwelt zu bringen.
Das Geschenk der Ehe
Jesus zitiert eine andere Stelle aus der Bibel.
Er redet über den Schöpfungsbericht.
Er will deutlich machen,
was Gott sich von Anbeginn der Welt dabei gedacht hat,
als er Mann und Frau füreinander geschaffen hat.
Ich glaube nicht,
dass er damit die Geschiedenen verurteilen will.
Ganz und gar nicht.
Ich glaube, dass Jesus sowohl den Verheirateten,
als auch den Geschiedenen,
als auch den Unverheirateten
eine Vision vermitteln will.
Einen Vision für eine gelingende Beziehung zwischen Mann und Frau
Eine Vision davon,
welches Geschenk Gott mit der Ehe geschaffen hat.
Mich beeindruckt tief, wenn ich Ehepaare erlebe,
die seit 40, 50, 60 Jahren verheiratet sind
und denen man immer noch abspürt,
dass sie sich gegenseitig lieben.
Die z.B. Händchen haltend auch noch im zarten Alter von 70 Jahren miteinander durch den Park spazieren gehen.
Die sich höflich und mit Wertschätzung begegnen.
Die sich in ihrer Unterschiedlichkeit angenommen haben.
Für mich ist das eins der beeindruckendsten und schönsten Zeichen von Liebe.
Wenn man so lange miteinander lebt,
hat man die Schwächen des anderen kennen gelernt.
Der andere ist nicht mehr nur der tolle Hecht oder die hübsche Prinzessin.
Man hat die dunklen Seiten des anderen erlebt.
Man ist sich manchmal zur Last geworden.
Wenn dann die Liebe füreinander trotzdem bestehen bleibt,
dann ist das für mich nicht in erster Linie eine menschliche Leistung.
Sicher gibt es einige Regeln, die helfen,
dass eine Beziehung gelingt:
· Immer wieder das Gespräch suchen.
· Auch Problematisches ansprechen.
· Sich überlegen, wie man seinem Partner Liebe schenken kann,
in der Liebessprache, die er oder sie versteht.
Aber trotz all dieses Tuns, all dieser Arbeit der Liebe,
ist für mich eine dauerhafte Liebe Gnade Gottes.
Ich bin meiner Frau und Gott zutiefst dankbar,
dass sie es seit 24 Jahren mit mir aushält.
Ich glaube, Jesus will uns Mut machen.
· Auch wenn wir in manchen Beziehungen schon gescheitert sind.
· Auch wenn es momentan mit unserem Lebenspartner nicht so toll läuft.
· Auch wenn alles gerade soooo schwierig ist.
Jesus will trotz all dem Mut machen,
sich so tief auf einen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen einzulassen,
dass man zu einer Einheit wird.
Das man eine eigenständige Person bleibt,
aber gleichzeitig eins wird mit jemand anderem.
Jede Scheidung wird dann natürlich schmerzhaft,
weil sie das, was eins geworden ist, zerreißt.
Daher ist Scheidung nicht der Plan Gottes mit uns.
Als Empfangende leben
Die Jünger reagieren in der Parallelstelle in Matthäus 19
auf die tollen Worte Jesu vom Einssein in der Ehe und auf seine klaren Worte zum Ehebruch mit der Feststellung:
„Steht die Sache eines Mannes mit seiner Frau so,
dann ist`s nicht gut, ehelich zu werden.“
Sind Jesu Worte eine fromme Illusion?
Verschließen wir damit die Augen vor der Realität,
dass fast jede 2. Ehe in unserem Land geschieden wird?
Ich denke, wir kommen hier an den Kern der christlichen Botschaft.
Gottes Maßstäbe zur Ehe ist nur ein Beispiel unter vielen.
Überall in unserem Leben erleben wir die gleiche Spannung:
Die Gesetze Gottes zeigen uns, wie ein Leben gelingt.
Wir wissen eigentlich: Ja, das ist gut.
Aber doch scheitert jeder von uns auf ganz unterschiedlichen Gebieten immer wieder daran.
Wie gehen wir mit dieser Spannung um,
dass wir um das Gute wissen
und es eigentlich gerne tun würden
und es doch so oft nicht schaffen?
Was macht Jesus?
Er macht nicht die Norm kleiner,
so dass wir es leichter schaffen können.
Nein, in der Bergpredigt spitzt er alles noch mehr zu:
„Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren,
der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen
in seinem Herzen.“
Dann sind warscheinlich alle Männer Ehebrecher.
Jesus ist nicht gekommen,
um Gottes Maßstab auf einen machbaren Wert zu drücken.
Jesus sagt von sich,
dass er für die gekommen ist, die Hilfe brauchen,
und nicht für die, die keiner Hilfe bedürfen.
Ich brauche Hilfe.
Ich brauche Hilfe in meiner Ehe.
Ich brauche Hilfe in meinem Leben.
Ich kann die Maßstäbe Gottes nicht aus eigener Kraft erfüllen.
Aber gerade für solche Leute ist Jesus gekommen.
Ich darf zu ihm kommen, so wie ich bin.
Er vergibt mir.
Er schenkt mir seine Liebe.
Er gibt mir den Mut zu einem neuen Anfang.
Er steht mir bei, wenn ich wieder an meinen Grenzen bin.
Manchmal gibt er mir die Kraft,
dass ich nicht wieder das Falsche tue.
Manchmal hilft er mir umzukehren,
nachdem ich das Falsche wieder getan habe.
Ich bin jemand der Gottes Hilfe bedarf.
Dieses Eingeständnis fällt mir nicht immer leicht.
Ich wäre so gerne sündlos und perfekt.
Aber gerade in diesem Eingeständnis bin ich in tiefster Weise Gott in all seiner Liebe begegnet.
Jesus ist gekommen für Menschen, die Hilfe brauchen.
Brauchen Sie die Hilfe Jesu Christi?
„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Amen.
Dr. Reinhard Prechtel

